Hausmittel

Ob eine Knoblauchzehe gegen Warzen oder Kamillentee mit Honig gegen Bauchweh: Grossmutters «Medizin» kann alle Schmerzen lindern. Fast alle.

Hausmittel
Illustration von Silvio Borer.

 

Ein Hautarzt kann mit einem Behälter flüssigem Stickstoff eine Warze in vier bis fünf Sekunden entfernen. Ich schaffe dasselbe über Nacht mit einer Knoblauchzehe und einem Pflaster. Deine Hand stinkt zwar tagelang, aber die Warze kommt nicht zurück. Du brauchst nicht zu kratzen oder darauf herumzubeissen, bis das Blut über das schwammige Gewebe läuft. Du kannst jemanden an der Hand halten, ohne dass du dich schämen musst.

Wie man das macht, habe ich von meiner Urgrossmutter Estrella gelernt. Sie hat mir all die Hausmittel verraten, die sie von ihrer Grossmutter im Pueblo im nördlichen New Mexico gelernt hat. Wenn man Bauchschmerzen hat, muss man Kamillentee mit Honig trinken, so heiss wie es geht, ohne dass man sich die Zunge verbrennt. Wenn man Kopfschmerzen hat, drückt man rohe Kartoffelscheiben an die Schläfen, die ziehen die Schmerzen heraus. Gegen Erkältung und Liebeskummer hilft eine Tasse warmer Atole aus blauem Mais.

Die Läuse hatten wir von Harrison, auch wenn Mama das beim ersten Mal noch nicht klar war. Um sie loszuwerden, wusch sie mir die Haare mit Mayonnaise. Diesen Trick hatte sie von einer anderen Zahnarzthelferin in der Praxis gelernt und kam mit einem grossen Glas Kraft Mayo nach Hause, vom Besten. Sie hielt meinen Kopf über die Küchenspüle, nahm einen Servierlöffel und verteilte Mayonnaisebatzen auf meiner Kopfhaut. Eine Marlboro light hüpfte zwischen ihren Lippen auf und ab, während sie die eklige Masse in meinen langen braunen Haaren verteilte. Wenn sie eine Rauchwolke aus ihrem mit Lippenstift angemalten Mund ausstiess, konnte ich die Zahnlücke auf der rechten Seite sehen, die Stelle, die sie vor allen versteckte, sogar vor mir. Als sie fertig war, stülpte sie eine Plastiktüte über meine Haare und befestigte sie im Nacken mit einem Gummiband.

«Hier», sagte sie und zeigte mit dem roten Fingernagel auf einen Küchenstuhl. «Da bleibst du jetzt eine Viertelstunde lang sitzen, jita.»

Sie drückte die Zigarettenkippe auf einer Untertasse aus und teilte ihre eigenen schwarzen Haare, beugte sich über die Arbeitsfläche und begutachtete ihre helle Kopfhaut mit dem kleinen Spiegel einer Cover-Girl-Puderdose. Prüfend wanderte ihr Blick über ihren Kopf. Dann liess Mama die Puderdose zuschnappen und richtete den Blick auf mich.

«So, meine Süsse. Kopf über die Spüle.»

Mit dem Gesicht tief im Chrombecken wusch Mama mir die Haare aus, während sich ihre grossen Brüste in meinen Rücken drückten. Heisses Wasser ergoss sich über die Vorderseite meines Tweety-T-Shirts, alles wurde nass, Hals und Brust. Ich wimmerte und kämpfte gegen den übelkeitserregenden Eiergeruch auf meinem Kopf an.

«Mama», sagte ich, «warum fragen wir nicht einfach Grandma Estrella, was wir gegen Läuse machen sollen?»

«Sieh mich mal an.» Sie drehte mich um und wischte mir mit dem T-Shirt-Zipfel das Wasser aus dem Gesicht. «Du darfst Grandma Estrella auf keinen Fall verraten, dass du Läuse hast. Ist das klar?»

Ich hätte gerne gefragt, warum nicht, aber Mama schob meinen Kopf zurück unter den Wasserhahn und knetete die Haare mit ihren kräftigen Händen durch, so wie Grandma Estrella am Heiligabend die masa knetete. Meine braunen Haare wanden sich in nassen Schlingen, das Wasser lief mir in die Augen und ich konnte nicht mehr richtig sehen, aber ich hätte schwören können, dass da weisse Läuseeier den schwarz verfärbten Ausguss hinunterflossen.

Als wir Harrison zum ersten Mal abholten, schneite es. Mama und ich fuhren zu seiner Wohnung an der Grant Street im Zentrum von Denver, und wir froren in unseren Schals und gebraucht gekauften Winterstiefeln, als wir unter dem roten Kunststoffvordach am Eingang standen.

Mama drückte auf einen Klingelknopf, und eine verschlafene Stimme kam aus der Gegensprechanlage: «Wer ist da?»

«Wir sind’s», sagte sie. «Millie und Clarisa.»

Der Summer brachte den messingfarbenen Lautsprecher zum Vibrieren, und Mama zog schnell am Türknauf. Bevor wir das Treppenhaus betraten, zögerte sie und sah auf mich hinunter.

«Das ist also dein Bruder», sagte Mama leise. «Ich weiss, dass du ihn nicht kennst und dass wir Daddy nicht mehr sehen, aber Harrison hat es nicht so gut wie du, also sei bitte nett zu ihm.»

Ich versprach es, und wir gingen hinein. Der Teppichboden war kotzgrün und die Decke aus Blech. Wir gingen eine knarrende Treppe hinauf, auf der wir von Knoblauch- und Schimmelgerüchen verfolgt wurden. Am Ende des Flurs im ersten Stock klopfte Mama kräftig an der 13B.

Harrisons Mom machte die Tür auf. Sie trug ein riesiges, pinkfarbenes T-Shirt, bei dem der Halsausschnitt weggeschnitten worden war, so dass eine Sterntätowierung auf der linken Schulter herausschaute. Ihre dünnen, blonden Haare waren oben am Kopf zu einem unordentlichen Dutt zusammengenommen, und als sie lächelte, sah man, dass ihre Zähne sehr schief waren.

«Ach, hi», sagte sie. «Harrison! Komm mal her, Sohn.»

Er tauchte neben ihr auf, mager, mit schlechter Haltung und zu Boden gerichtetem Blick.

«Viel Spass mit deiner Schwester», sagte seine Mom mit ihrer verschlafenen Stimme und händigte ihm einen Rucksack aus. Sie beugte sich herunter und gab Harrison einen Kuss auf die Stirn. Hinter ihr konnte man ein wenig von der Wohnung erkennen, ein staubiges Wohnzimmer mit einer durchgesessenen, braunen Couch, die mit Wäschebergen bedeckt war. Unter einem verschmierten Couchtisch aus Glas lagen seidige Unterhosen herum.

Harrisons Mom rieb sich mit beiden Händen die Augen, wodurch sie ihr Make-up so verschmierte, dass ein Klümpchen Wimperntusche in ihrem linken Auge hängenblieb. «Er hat nie erwähnt, dass Sie so eine nette Frau sind.» Sie blies ihrem Sohn einen Kuss zu, dann schloss sie die Wohnungstür.

Mama lächelte Harrison warmherzig an. «Erinnerst du dich an mich? Wir haben uns schon mal gesehen, als ich bei euch war, um mit deiner Mutter zu sprechen.Du bleibst jetzt ein paar Tage bei uns.»

Harrison nickte und kratzte sich am Kopf. «Du hast mir Tootsie Rolls mitgebracht.»

«Bäh. Die Bonbons sind eklig», flüsterte ich.

Mama piekte mir mit ihren langen, roten Fingernägeln in den Nacken. «Das ist Clarisa. Sie ist deine Halbschwester. Ihr zwei seid fast gleich alt.»

«Du bist zehn?», fragte Harrison.

«Nein, ich bin elf», sagte ich. «Ich bin klein für mein Alter.»

«Ich nicht», sagte er. «Meine Mom sagt, das hätte ich von meinem Dad geerbt.»

Als wir durch den Hausflur gingen, sah ich erstaunt ein in der Wand eingebautes Badezimmer, wie ein grasgrüner Wandschrank sah es aus. Ich warf einen Blick hin­ein und sah eine alte Badewanne auf Porzellanfüssen. Grandma Estrella hatte auch so eine Wanne mit Krallenfüssen in ihrem oberen Badezimmer. Ich fragte Mama, und sie erklärte, früher hätten sich die Leute auf dem Flur ein Badezimmer geteilt. Sie hätten sich alles geteilt, erklärte sie. Aber als ich Grandma Estrella danach fragte, sagte sie, solche Badezimmer auf dem Gang habe es nur in Häusern gegeben, in denen dreckige Leute wohnten, die schlimme Sachen machten, um ihr Geld zu verdienen, Leute, für die sie jeden Abend betete, bevor sie mit langsamen Aufwärtsbewegungen die Crème in ihrem Gesicht verrieb; von Abwärtsbewegungen bekam man Falten.

Grandma Estrella wohnte in einem viktorianischen Backsteinhaus am Rand eines Parks, Park Benedict hiess er. Sie war eine kleine, runde Frau, die lange, bunte Röcke trug und immer nach Rosenöl und Airspun-Gesichtspuder roch. Sie wohnte allein, mein Urgrossvater war schon vor meiner Geburt gestorben, und ihre einzige Tochter starb bei einem Verkehrsunfall, als Mama erst vier Jahre alt war. Als Daddy verschwand, zogen Mama und ich zu Grandma Estrella, und als wir dann ein eigenes Reihenhaus in Northglenn hatten, besuchten wir sie jedes Wochenende – ausser wenn Harrison bei uns war. Weil wir beschäftigt waren, sagte Mama, aber ich wusste, woran es wirklich lag. Grandma Estrella hasste alles an Harrison. An mir hasste sie nur die Hälfte – die Hälfte meines Vaters, die weisse Hälfte.

An einem Wochenende übernachtete ich bei Grandma Estrella, und wir backten Plätzchen, die sie Biscochitos nannte. Wir standen in ihrer grossen Küche, alle Fenster waren geöffnet, die gelben Vorhänge hoben und senkten sich in der Brise. Dabei guckten wir «Verliebt in eine Hexe» auf dem kleinen Fernseher in der Küche, und als die Folge vorbei war, fing die «Jerry Springer Show» an.

«Diese weissen Blödiane, ich kann sie nicht ausstehen», sagte Grandma Estrella. «Guck dir nur mal diesen Kerl an, mija.» Sie zeigte mit dem Nudelholz auf den Fernseher. «Der hat doch jede Chance gehabt, es in dieser Welt zu was zu bringen, und was hat er gemacht? Hat alles für Alkohol und Drogen verschleudert, jetzt kann er sich nicht mal um seine Familie kümmern. Genau wie dein Vater.»

«Kann sein», sagte ich und leckte den Rührlöffel mit dem rohen Plätzchenteig ab.

«Dass er sich aus eurem Leben fortgemacht hat, war das Beste, was dir und deiner Mutter passieren konnte. Wenn er sich nicht von allein verdünnisiert hätte, hätte ich ihm Beine gemacht.»

Ich lachte. «Und wie hättest du ihm Beine gemacht, Grandma Estrella? Wie macht man das?»

«Na, mit einem Besen oder vielleicht einem Kleiderbügel. Möglichkeiten gibt es genug. Und jetzt schalt einen anderen Sender ein, meine Zuckermaus. Ich will meine Geschichten gucken.»

Ich wischte die mehligen Hände an der weissen Spitzenschürze ab, die Grandma Estrella mir selbst genäht hatte, und drehte den Senderknopf auf Kanal sieben. Das Bild war leicht unscharf, das war Teil der Soap. Weisse Leute mit Diamanten und langen Wimpern küssten oder belogen und betrogen sich. Solche Leute sah sich Grandma Estrella am liebsten im Fernsehen an – reich und skandalös.

Grandma Estrella sagte: «Sieht Tiffany diese Woche nicht hinreissend aus? Warum lässt du dir die Haare nicht auch so wachsen, mija? Ein Mädchen braucht lange Haare.»

Ich betrachtete die Spitzen meiner braunen Haare. «Wenn es an den Schultern angekommen ist, hört es auf zu wachsen.»

«Ach, Unfug. Ich kenne ein paar Kräuter, da kannst du einen Tee draus machen.»

Grandma Estrella schloss die kleinen Augen hinter den dicken Brillengläsern und bewegte lautlos die Lippen, als lese sie im Geist etwas von Notizzetteln ab. Es dauerte ein wenig, dann öffnete sie den Mund weit, die tiefen Falten in ihrem Gesicht glätteten sich, und sie sah wieder jung aus, wenn auch nur für eine Sekunde.

«Ich verrate dir das Rezept für schöne lange Haare, mija, aber du musst vorsichtig sein mit dem Tee.»

«Vorsichtig?», fragte ich.

«Eitelkeit ist gefährlich, meine Zuckermaus. Da kann ich dir eine Geschichte erzählen, von deiner Urgrosstante Milagros, dieselbe Milagros, nach der deine Mutter benannt ist. Die hat die Kräuter zu oft benutzt, und ihre schwarzen Haare wurden so schön und lang davon, dass alle Männer in unserem Pueblo sie heiraten wollten, und Männer von weiter weg auch, aber sie wollte sich einfach keinen von ihnen aussuchen. Sie glaubte, je länger und schöner ihre Haare würden, desto besser würde auch ihre Auswahl an Ehemännern. Bis sich eines Nachts, die anderen Kinder schliefen tief und fest im selben Zimmer, die Haare um ihren Hals zusammenschnürten und sie erdrosselten.»

«Und das ist wirklich wahr?»

«Natürlich! Willst du etwa sagen, ich lüge?»

Ich schabte die restlichen Teigreste in den Mülleimer und fragte mich, wozu meine Haare wohl in der Lage sein mochten.

Wenn Harrison bei uns übernachtete, holte Mama unsere überzählige Bettdecke heraus, die klumpige mit den Löchern, und breitete sie auf dem Sofa aus, damit er da sein eigenes kleines Schlafzimmer hatte. Darauf sassen sie zusammen, stundenlang, schauten Filme und lachten miteinander. Mama stellte Harrison viele Fragen, und meistens ging es um unseren Dad.

«Schickt Daddy dir Geschenke?»

«Einmal hat er mir was geschickt. Eine Autorennbahn.»

«Oh wow», sagte Mama, streckte den Arm aus und streichelte seinen Nacken. «Und deiner Mama? Schickt er ihr Geld, hilft er euch?»

«Weiss ich nicht. Vielleicht.»

«Ich kann’s nur hoffen. Er kann es sich nämlich leisten. Darf ich dir was sagen, Harrison?», fragte sie ernst, aber lächelnd. «Du siehst Daddy unglaublich ähnlich. Es ist, als ob er es wäre, nur als kleiner Junge.»

Jedes Mal, wenn ich ins Wohnzimmer kam und Harrison da zusammengesackt auf der Couch sitzen sah, breitete sich ein Gefühl wie flüssiger, schwarzer Asphalt in meinem Bauch aus. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Es war mir egal, dass Mama gesagt hatte, ich solle Mitleid mit ihm haben, weil unser Dad sich vor Urzeiten aus dem Staub gemacht und seine Mom Probleme mit Alkohol und Pillen hatte. Stell dir nur mal vor, ich würde den ganzen Tag lang schlafen, sagte Mama zu mir. Dann gäbe es nie eine warme Mahlzeit.

Illustration von Silvio Borer.

Wenn Harrison in unserem Wohnzimmer schlief, roch es in unserem ganzen Reihenhaus so schlecht wie bei ihm in der Wohnung. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, als hätte ihm jemand blaue Augen geschlagen, die nie verheilen würden. Seine T-Shirts hatten Löcher in den Ärmeln, seine Jeans waren abgewetzt und an Knien und Hintern mit einer dünnen Dreckschicht bedeckt. Das Schlimmste war, dass er nach Pipi roch.

«Hey, Harrison, warum setzt du dich nicht mal in die Badewanne auf dem Flur von eurer Scheisswohnung?»

«Die benutzt niemand. Die ist alt und kaputt, Clarisa.»

«Wär aber besser. Du riechst wie ein Katzenklo.»

«Tu ich gar nicht. Ich hab heute geduscht!»

«Und warum muss sich meine Mom um dich kümmern? Was ist los mit deiner Mom?»

«Nichts ist mit ihr los. Sie ist meine Mom und fertig.»

Harrison gab mir nie fiese Antworten und petzte nicht, dass ich so gemein zu ihm war. Aber er verhielt sich komisch. Nachmittags zog er meine Kommodenschubladen auf und hielt das Gesicht in meine T-Shirts und Jeans, schaltete die Mikrowelle ein und aus und stellte bekloppte Fragen, bei denen ich mich wirklich fragte, wie es in seinem normalen Leben zugehen mochte.

«Müsst ihr in der grossen Pause nach draussen, wenn es richtig doll schneit?»

«Nein, wir dürfen drinnen bleiben.»

«Und deine Lehrerin – ist die nett? Was hat sie für eine Haarfarbe?»

«Mein Lehrer ist ein Mann, nur dass du’s weisst.»

«Echt, ein Mann?»

«Lass mich in Ruh. Du gehst doch auch zur Schule, oder etwa nicht?»

«Was ist mit unserem Dad? Warum will er nichts mehr mit uns zu tun haben?»

«Vielleicht hat er keine Lust auf Läuse.»

Er war nur ein Jahr jünger, aber mir war selbst damals schon bewusst, dass uns Welten trennten. Was ich am schlimmsten an Harrison fand – abgesehen davon, dass die Läuse wieder da waren, sobald er zu Besuch kam –, war die Tatsache, dass meine Mutter recht hatte. Er sah meinem Vater sehr ähnlich. Er war nur ein kleiner Junge, aber er sah aus wie Daddy.

An unserem letzten gemeinsamen Weihnachten mit Daddy war ich neun Jahre alt. Anders als sonst war er früh wach, hatte keine schwarzen Ringe unter den Augen, keinen schlechten Atem, der nach Bier und Zigaretten roch. Er war guter Laune, lächelte und küsste Mama auf den Mund. Er spielte Flugzeug mit mir und schleuderte mich in seiner Einzimmerwohnung herum; ich hatte die Arme kichernd und quietschend zu kleinen Flügeln ausgebreitet. Mama kochte den ganzen Tag lang – Schinkenbraten, Cranberrysosse, überbackene grüne Bohnen, Maisbrot. Aber Grandma Estrellas Weihnachts-Tamales gab es nicht. So etwas mochte Daddy nicht.

Wir sassen zusammen an seinem ausziehbaren Kartentisch in der Wohnzimmerecke, und Daddy sprach das Tischgebet. Ich starrte auf die Krähenfüsse rund um seine dunklen Augen und fragte mich, ob ich die auch mal kriegen würde. Ich genoss jede Minute in seiner Nähe – ich liebte es, wenn er mir die Hand in den Nacken legte und ich seine Schwielen auf der Haut spürte. Seine Hand roch nach Arbeit, Autos und der orangefarbenen Spezialseife, mit der er sich das Schmieröl abwusch.

«Millie», sagte er, «du hast die Butter vergessen, Schatz.»

Mama sah mich an und fragte, ob ich so gut sein und Daddy die Butter holen könnte. Ich sprang auf und ging in seine winzige Küche. Ich ging am überquellenden Mülleimer vorbei, in dem unter den leeren Bohnendosen und Eierschalen eine glitzernde, grüne Weihnachtskarte steckte. Warum ich das tat, weiss ich nicht, aber ich fasste mit der Hand in den Mülleimer und zog die durchfeuchtete Karte heraus. Als ich sie aufklappte, fiel das Bild eines kleinen Jungen mit dunklen Augen und hellbraunen Haaren heraus, der einen Baseballschläger schwang. Ich starrte lange in das kleine Gesicht.

«Clarisa», rief Mama vom Esstisch, «hast du sie gefunden?»

Ich stopfte die Weihnachtskarte so tief wie möglich zurück in den Müll. Ich holte die Butter, brachte sie zum Tisch und sagte meinen Eltern, ich wäre gleich wieder da – ich müsse mir noch die Hände vor dem Essen waschen.

In Sozialkunde kratzte ich mich so lange am Kopf, dass eine Laus meinen Nacken herunterrutschte und auf dem Tisch von Chantel Sanchez landete. Sie kreischte so laut los, dass der Schuldirektor es in seinem Büro hörte, das behaupteten jedenfalls die anderen Kinder. Es war das vierte Mal im Laufe eines Jahres, dass ich mir Läuse von Harrison geholt hatte. Ich wurde heimgeschickt und durfte erst wieder in die Schule zurückkehren, wenn das Pro­blem gelöst war. «Wegen Gesundheitsgefahr der Schule verwiesen», stand in dem offiziellen blauen Brief. Mama regte sich noch mehr als sonst über die Läuse auf. Sie versuchte es erst mit Mayonnaise, dann mit Olivenöl, dann mit Franzbranntwein, dann mit Läuseshampoos aus der Drogerie. Als sie endlich mit all dem durch war, hatte ich das Gefühl, ich würde nie wieder in die Schule gehen.

Am folgenden Samstag ging Mama mit Harrison und mir zum Friseur in einem Stadtteil, der Wash Park hiess. Der Friseursalon war weiss und blau gestrichen und hatte an allen Wänden Spiegel. Aus Lautsprechern unter der Decke kam Technomusik, und der Boden roch leicht nach Ammoniak. Die Friseusen waren aufgekratzt, hatten bunte Haare und Piercings im Gesicht. Sie hiessen Celeste, Luna und Sky. Ich blätterte in einer Zeitschrift mit verschiedenen Haarschnitten und zeigte Mama Frisuren, die ihr vielleicht gefallen würden.

«Guck mal, der Pony», sagte ich und klappte das Heft so auf, dass sie es auch sehen konnte.

«Schön, jita. Aber ihr zwei kriegt die Haare auch geschnitten.»

«Hier?» Harrison blickte mit einem erstaunten Gesichtsausdruck auf.

«Genau. Ihr braucht euch keine neuen Frisuren auszusuchen. Ich habe den Friseusen schon gesagt, was wir wollen.»

Meine Haare waren in der letzten Zeit mit Hilfe von Grandma Estrellas Tee besonders schön und lang geworden. Mama liess mir die Haare normalerweise bei Cost Cutters schneiden, aber beim letzten Mal wurden wir nicht bedient. Keiner sagte uns warum, aber mir war klar, dass es an den Läusen liegen musste.

Als ich von einer Frau aufgerufen wurde, sprang ich auf und streckte Harrison die Zunge heraus. Er reagierte nicht, sondern kratzte sich nur am Kopf. Dann wurde er von einer anderen Frau aufgerufen. Wir wurden zu einer Reihe schwarzer Drehsessel gebracht, wo wir nebeneinander sassen. Meine Friseuse liess Kaugummiblasen in ihrem Mund platzen. Sie hatte Glitter auf den Augenlidern, und ihre Zähne waren so gross und weiss, so etwas hatte ich noch nie gesehen; sie sah aus wie die weissen Frauen in Grandma Estrellas Soaps. Sie teilte mir das Haar mit einem schwarzen Kamm und zeigte auf den in einen lila Frisierumhang gewandeten Harrison neben mir.

«Seid ihr zwei Zwillinge?», fragte sie. «Wie sagt man schon wieder? Zweiige Zwillinge?»

«Das heisst zweieiige Zwillinge», sagte die Frau, die Harrison die Haare schnitt.

«Meine ich doch», sagte meine Friseuse. «Ihr seht auf jeden Fall so aus, als wärt ihr gleichaltrig.»

Harrison kicherte. «Ich wünschte, wir wären Zwillinge. Das wäre cool.»

«Er ist nur mein Halbbruder», sagte ich.

Die Friseusen warfen sich einen vielsagenden Blick zu und sahen weg, aus dem Fenster, hinaus auf die Strasse.

Draussen machten Möwen Sturzflüge zwischen Strassenlampen. Die Sonne ging unter, und die ganze Gegend war in ein düsteres Rosa getaucht. Eine Familie mit Pizzakartons in der Hand ging zusammen über den Parkplatz. Eine Mom, ein Dad und drei kleine Jungs. Die Mom zeigte lachend auf ihren Mann, der sich einen Einkaufswagen geschnappt hatte und darauf spazieren fuhr wie auf einem Roller. Die Söhne versuchten, es ihm nachzumachen. Sie eierten auf dem Parkplatz herum, die Mutter wirkte besorgt. In diesem Augenblick war ich eifersüchtig auf die Familie, ihr Glück, ihr Zusammengehörigkeitsgefühl. Vielleicht hätten Harrison und ich ja Freunde sein können, wenn wir uns schon seit langem kennen würden. Aber stattdessen erinnerte er mich nur an Daddy, den einzigen Menschen, der mich je verlassen hatte. Draussen verschwand die Familie aus meinem Blickfeld, und ich schaute wieder in den Spiegel.

In dem Moment brach ich in Tränen aus.

Meine langen Haare waren weg und lagen auf dem Boden wie Dreck. Die Friseuse fragte mich immer wieder, was denn los sei, aber ich konnte nichts sagen, ich zog nur verzweifelt an meinen kurzen Haaren, die vom vielen Weinen vorne ganz nass waren.

«Wein doch nicht, Clarisa», hörte ich Harrison sagen. Er wimmerte leise vor sich hin. Sein Kopf war komplett kahlgeschoren.

Ich sprang auf und sah mich nach Mama um. Sie sass mit trauriger Miene auf einem Frisiersessel hinter uns. Ihr langes, schwarzes Haar hatte sich in eine Igelfrisur mit kurzem Pony verwandelt. Als sich unsere Blicke trafen, murmelte sie lautlos ein Wort, vielleicht war es Tschuldigung.

Als wir gingen, gab meine Mutter der Frau am Empfang einen Scheck; eine der Friseusen versuchte, ihr ein teures Schuppenshampoo zu verkaufen.

«Bei den Kindern sieht es ganz schön schlimm aus», beharrte die Frau. «Das Shampoo wird sicher helfen.»

Mama schüttelte den Kopf. Die kurzen Haare auf ihrem Kopf bewegten sich nicht. «Danke, wir versuchen es lieber erst mal mit einem Hausmittel.»

Mama weinte. Harrison und ich hörten es, als wir uns um den einen funktionierenden Nintendo-Controller stritten. Zuerst klang es, als würde der Nachbarshund jaulen, aber dann wurde es lauter, und es hörte nicht auf. Ich liess den Controller fallen, Harrison folgte mir. Mama sass auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel, den Kopf in die Hände gestützt, kratzte sich und raufte sich die kurzen Haare. Ihre ganze Kopfhaut und ihr Hals waren mit roten Beulen bedeckt. Rotz und Tränen tropften ihr Gesicht herunter, über ihre Lippen und vorn auf die weisse Bluse. Ich blieb in der Tür stehen, weil ich Angst hatte, zu ihr hinzugehen. So hatte ich sie erst ein einziges Mal gesehen – als Daddy uns endgültig verliess.

«Sie gehen einfach nicht weg.» Sie schluchzte in ihre Hände.

«Was ist denn, Mama?»

«Sie gehen einfach nicht weg.»

Harrison stand hinter mir, und seine dunklen Augen füllten sich mit Tränen, die sich über den unteren Wimpern sammelten. Das Badezimmer spiegelte sich in seinen Augen – Mama, allein, auf dem Klo, mit ausgerissenen Haaren im Schoss und auf dem Boden. Am liebsten hätte ich Harrison angeschrien, dass er weggehen, nach Hause laufen, den Bus nehmen, auf jeden Fall irgendwie aus unserem Leben verschwinden sollte, aber stattdessen sagte ich nur, er solle Mama im Auge behalten, während ich in die Küche rannte und genau das tat, was absolut verboten war – ich rief Grandma Estrella an.

Ich erzählte ihr, was los war und was sich seit Monaten bei uns abspielte. Sie schrie so laut, dass ich danach die Stille unserer Reihenhausküche hörte. Staub tanzte in Sonnenstrahlen. Wasser tropfte aus dem verchromten Hahn. Die Schnur des Telefons rollte sich langsam auf. Alles war still, bis Mamas Schluchzer durch die tote Luft auf dem Flur zu mir drangen. Sie schlug mich nicht und brüllte mich auch nicht an, als ich ihr sagte, dass Grandma Estrella uns erwartete. Mama erhob sich von der Toilette, stumm und mit rot geweintem Gesicht, und ging zum Auto, als hätte sie von Anfang an gewusst, dass dieser Tag kommen würde.

Als wir bei Grandma Estrella ankamen, stand sie schon auf der Veranda und blickte wachsam wie ein Adler, eine Hand über den Augen, hinaus in den Garten. Sie trug einen weiten, violetten Rock, das Backsteinhaus ragte hinter ihr auf wie eine Burg. Mama parkte das Auto und warf ihre Zigarettenkippe auf die Strasse, als sie mit uns auf die Veranda zuging.

«Jetzt guckt euch nur mal eure Haare an», sagte Grandma Estrella. «Wie seht ihr bloss aus? Alle drei.»

«Die wachsen auch wieder», erwiderte Mama und wischte sich schnell die Tränen aus dem Gesicht.

Illustration von Silvan Borer.

Grandma Estrella knurrte irgendetwas. Sie trat beiseite und scheuchte uns mit beiden Händen ins Haus. Aber bevor sie die Tür aufmachte, gab sie Harrison die Hand und sagte ihm, sie sei Mrs. Lopez. Harrison riss die Augen auf und sah sie voller Staunen an. Es sah aus, als hätte er keine Grosseltern, und mir wurde klar, dass er wahrscheinlich wirklich keine hatte.

«Nach oben mit euch.»

Wir stiegen die Kirschholztreppe hoch zum oberen Badezimmer. Das lange, weisse Porzellanoval der Wanne stand auf Klauenfüssen in dem ansonsten dunklen Raum. Es war kalt, aber das Fenster war beschlagen von dem Dampf, der aus einem grossen Kochtopf auf dem Fussboden aufstieg, dem Topf, in dem Grandma Estrella normalerweise Menudo kochte. Wir drei mussten uns auf den Boden knien und den Kopf, Gesicht nach unten, über die Badewanne halten. Das Porzellan fühlte sich kalt an meinem Hals und meinen Armen an. Als ich klein war, hatte Grandma Estrella mich immer in dieser Wanne gebadet und meine Knie und Ellbogen mit einem Waschlappen und Ivory-Seife bearbeitet. Einmal fragte ich sie, warum sie so stark schrubbte, dass es weh tat. «Weil wir keine dreckigen Leute sind», hatte sie geantwortet. Als ich Mama später danach fragte, erklärte sie mir, Grandma Estrella sei als kleines Mädchen von ihren Lehrern dreckiges Mexikanerkind genannt worden, und sie sei nie darüber hinweggekommen: die Scham, schmutzig zu sein.

Grandma Estrella stand hinter mir und goss mir langsam bitteres Wasser über den Kopf, eine heisse Brühe, die sie aus etwas gekocht hatte, das sich Neem nannte und durchdringend nach Wurzeln stank. Dann kämmte Grandma meine kurzen Haare schnell und ruppig durch, wobei sie den Kamm tief in die Kopfhaut drückte. Als sie damit fertig war, musste ich aufstehen.

«Jetzt nimmst du den Topf, mija. Und gut drauf achten, dass überall was hinkommt, von hinten im Nacken bis nach vorn über der Stirn.»

Sie drückte mir den schweren Topf in die Hand. «Aber … ich glaube nicht, dass ich den heben kann.»

«Jetzt sei nicht so eine malcriada.»

Ich spannte die Muskeln an, stellte mich stabil hin und hob den Topf hoch. Meine Arme zitterten, als ich Harrison die Flüssigkeit über den schmalen Hals goss. Ich sah zum ersten Mal, wie fürchterlich zerbissen und schrundig er war.

«Tut das weh?», fragte ich ihn.

«Nein, Clarisa», nuschelte er leise. «Es tut mir so leid, dass sie nicht weggehen.»

«Mach dir keine Sorgen. Diesmal klappt es auf jeden Fall.»

Sobald ich den Sud über Harrisons Kopf gegossen hatte, kniete Grandma Estrella sich neben ihn und rubbelte seinen Kopf kräftig mit einem weissen Handtuch ab.

«Pass auf, dass es mir nicht den Rücken runterläuft», sagte Mama. Verkrampft beugte sie sich über die Wanne und klammerte sich am Rand fest, dass ihre Knöchel weiss herausragten. Sie hielt nicht still, sondern drehte ständig mit zusammengekniffenen Augen den Kopf zu mir um. Da merkte ich erst, dass sie an Beinen und Händen zitterte. Grandma Estrella hatte das weisse Handtuch beiseitegelegt und beugte sich über Mama. Sie legte ihr die Hand sanft auf den Kopf, als wolle sie sie vor der Kälte schützen.

Grandma Estrella flüsterte: «Der Mann und seine Entscheidungen, das liegt jetzt alles hinter dir.»

Mama sagte: «Ich wollte doch nur, dass er weiss, dass er eine Schwester hat.»

«Und jetzt weiss er es, mein Schatz. Aber das hat alles nichts mehr mit dir zu tun.» Dann liess sie die Finger über Mamas Nacken tanzen und nickte mir zu, dass ich giessen sollte. Ihre Haut wurde genauso nass wie die von Mama.

Am nächsten Tag schminkte Mama sich sorgfältig, verteilte Mousse in ihrem läusefreien Haar und brachte Harrison heim zu seiner Wohnung an der Grant Street. Ich blieb draussen im Auto sitzen und sah hoch zu seinem Fenster. Ich wollte noch einen Blick auf ihn werfen, meinen einzigen Bruder auf der Welt. Ich wartete, bis er sich endlich zeigte. Er fasste mit seinen dünnen Armen nach oben und liess das Rollo herunter. Es war das letzte Mal, dass wir ihn irgendwohin brachten.

Bevor Grandma Estrella starb, schenkte sie mir ein Heft mit all ihren Hausmitteln darin. Mit zittriger Hand hatte sie Pflanzen hineingezeichnet und darunter den spanischen Namen, den wissenschaftlichen Namen und, extra für mich, die englische Bezeichnung geschrieben. Ich kenne die richtigen Kräuter, um Kopfläuse, Magenkrämpfe und Mundgeruch zu heilen. Meistens benutze ich das, was man in der Drogerie kaufen kann. Das ist sauberer und wirkt schneller und ist in kindersichere Behälter verpackt. Aber wenn ich manchmal besonders schlimme Kopfschmerzen habe und Aspirin nicht hilft, dann nehme ich Kartoffelscheiben, drücke sie an die Schläfen und hoffe, dass sie alles Schlechte aus mir herausziehen werden.

Manchmal sehe ich Harrison in der Stadt bei Partys oder Konzerten. Er spielt Bass in einer Punkband, Roaches heisst sie. Er ist jetzt ein schlaksiger, junger Mann mit einem ernsten, aber hoffnungsvollen Gesicht. Manchmal frage ich mich, ob mein Dad als junger Mann so ausgesehen hat wie er, damals, als unsere beiden Mütter auf ihn und sein Scheissleben hereinfielen. Und manchmal frage ich mich auch, ob Harrison immer noch überall Läuse verteilt. Aber ich bezweifle es.

Vor ein paar Monaten kam ich an der Lancer Lounge vorbei und sah ihn durch die Schaufensterscheibe, wie er drinnen auf der Bühne stand, über ein Mikrofon gebeugt, ein schwarzes Kabel um den Arm gewickelt. Als er sich aufrichtete, sahen wir uns lange in die Augen. Ich lächelte und zeigte auf seinen blauen Irokesenschnitt.

«Tolle Frisur», sagte ich unhörbar, und Harrison lächelte zurück, als hätte er mich durch die Scheibe hindurch verstanden.


Die vorliegende Kurzgeschichte wurde dem Buch «Sabrina & Corina» entnommen. © 2019 by Kali Fajardo-Anstine. Nachdruck in Absprache mit One World / Random House / Penguin Random House LLC.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»