Hausgemachte Flüchtlingskrisen

Niklas Luhmann nannte die Bürokratie ein System mit «geringer Störempfindlichkeit». Was der eloquente Soziologe damit meint: Bürokratien sind träge und unflexibel. Dass das durchaus tragische Auswirkungen haben kann, zeigt die aktuelle Flüchtlingskrise – etwa in Deutschland, das dank der spontanen Offenherzigkeit seiner Kanzlerin hunderttausende Migranten aufnimmt. Das Ergebnis: Chaos durch eine Überlastung der Aufnahmesysteme – […]

Niklas Luhmann nannte die Bürokratie ein System mit «geringer Störempfindlichkeit». Was der eloquente Soziologe damit meint: Bürokratien sind träge und unflexibel. Dass das durchaus tragische Auswirkungen haben kann, zeigt die aktuelle Flüchtlingskrise – etwa in Deutschland, das dank der spontanen Offenherzigkeit seiner Kanzlerin hunderttausende Migranten aufnimmt. Das Ergebnis: Chaos durch eine Überlastung der Aufnahmesysteme – von den Bahngleisen über die Auffang- und Verteilzentren bis zu den Amtsstuben des Bundesamts für Migration. Massenmedial aufbereitet entsteht so das Bild einer bedrohlichen «Flut», Sozialarbeiter und Polizisten beklagen lauthals ihre Überforderung, und auch die Migranten murren über unzureichende Infrastrukturen. Emotionen beginnen zu brodeln. Immer lauter werden die Rufe nach einer Unterbindung der Migration. Ungarische Zäune für alle!

Ein anderer Soziologe, Ralf Dahrendorf, sagte: «Wir brauchen Bürokratien, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindern sie uns, das zu tun, wofür wir sie brauchen.» Damit trifft er den Nagel der Flüchtlingskrise auf den Kopf. Ich behaupte: Hätten die zuständigen Instanzen rechtzeitig die steigenden Migrationszahlen erkannt, flexibel und zügig die notwendigen Infrastrukturen errichtet und so die Aufnahme professionell verwaltet – von einer «Flüchtlingskrise» wäre heute keine Rede. Kein deutscher Bürger würde die hohe Zahl der Migranten aus eigener Anschauung als störend erfahren. Die Kosten wären angesichts gigantomanischer Projekte wie der Energiewende, der Eurorettung oder des Baus des Flughafens Berlin-Brandenburg ohnehin zu vernachlässigen.

Dank eines unfassbaren Mangels an Voraussicht und Flexibilität steckt Deutschland stattdessen in einer als Flüchtlingskrise verkleideten Bürokratiekrise: Bis zu 100 000 neue Stellen will der deutsche Staat nun schaffen, um die Migranten ex post zu verwalten. Bürokratie gebiert Bürokratie – die «Störempfindlichkeit» sinkt weiter. Dafür nehmen die Störungen zu.