Hauptstadt des Bewahrens

Bern hätte die Voraussetzungen für eine dynamische Region. Doch statt Chancen zu packen, bleibt der Kanton von anderen abhängig und gefällt sich in der Opferrolle. Ein Weckruf zum Abschied.

Hauptstadt des Bewahrens
Bern, Blick auf den Bärengraben und die Altstadt um1880. Künstler unbekannt.

 

Wenn man mehr als sieben Jahre an einem Ort gewohnt hat, ist es mit gewisser Wehmut verbunden, Abschied zu nehmen. Seit 2010 habe ich – mit Unterbrüchen – in Bern gelebt. Anfangs des Jobs wegen, später blieb ich, trotz Job in Zürich. Für mich war Bern irgendwie die perfekte Stadt zum Leben. Gross genug, dass immer etwas los ist, klein genug, um nicht so überlaufen und anonym wie Zürich zu sein; in angenehmer Entfernung von jeder grösseren Stadt der Schweiz ebenso wie Berggebieten wie aus dem Tourismusprospekt, mit einer malerischen Altstadt, viel Grün – und natürlich der Aare, diesem Berner Lebensgefühl in Flüssigform.

Lange sträubte ich mich dagegen wegzuziehen, auch als ich längst in Zürich arbeitete. Nun verlasse ich Bern trotzdem. Und es hat nicht nur berufliche Gründe. Es gab am Ende schlicht wenig, das mich hier gehalten hätte. Es kommt mir vor wie eine Beziehung zu einer Person, mit der man einst alt werden wollte, die einen aber irgendwann mehr betrübt als glücklich macht.

Die traurige Wahrheit ist: Bern macht zu wenig aus seinem Potenzial. Der Kanton hätte von der Lage her beste Voraussetzungen, mit Zürich, Basel oder Genf mitzuhalten, liegt aber weit hinter diesen Regionen zurück, was Wirtschaftsleistung oder Innovation angeht. Statt den Wettbewerb selbstbewusst aufzunehmen, jammert man hier lieber über die schlechten Voraussetzungen: Es ist ja eh schon alles in Zürich, deshalb will niemand nach Bern. Und flucht über den Steuerwettbewerb, von dem man indirekt dann aber doch gerne profitiert. Seit Jahren ist Bern in absoluten Zahlen der grösste Empfänger des Finanzausgleichs (vergangenes Jahr erhielt der Kanton total 1,2 Milliarden Franken). Und lebt gut damit. Äussert jemand nur schon die Ambition, aus dieser Situation herauszukommen, wird er als weltfremd und unsolidarisch gebrandmarkt. Vorschläge, die drückend hohen Steuern zu senken, werden mit einer Mischung aus Spott und Resignation quittiert. Heute könne man höchstens noch mit Zug und Co. gleichziehen, heisst es dann, das ziehe auch keine guten Steuerzahler an. Man hätte, wenn schon, früher die Steuern senken müssen, vor den anderen.

Das Sprechen im Konjunktiv befreit einen von der Last, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und etwas zu ändern. Denn Veränderungen begegnet man in Bern generell erst einmal mit Misstrauen.

Bauern und Beamte

Vielleicht hat das historische Gründe. Lange war Bern der mächtigste und reichste Ort in der Eidgenossenschaft. Er verfügte über üppige natürliche Ressourcen, Untertanengebiete und Geschick im Umgang mit Finanzen. Mit der Industrialisierung änderte sich die Lage. Während in der Ostschweiz und in der Region Zürich die Textilindustrie aufblühte, blieb man in Bern bei der Landwirtschaft und dem traditionellen Gewerbe. Erst spät und zögerlich entwickelte sich auch im Kanton Bern die Industrie.

Gründe gab es verschiedene. Dass Bern erst relativ spät, 1858, ans Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, half sicherlich nicht. Der Staat stand grossen Unternehmen kritisch gegenüber. Vielleicht hatte es auch mit der Mentalität zu tun. Jeremias Gotthelf jedenfalls glaubte, dass Berner grundsätzlich nicht geeignet seien für die Industrie: «Der echte Berner hat einen Zug zur Landwirtschaft […] Das ist Naturzwang.» (Wenn Gotthelf heute sähe, wie viele Berner noch in der Landwirtschaft beschäftigt sind…)

So nahm Bern den langsamen Abstieg hin, halb der verpassten Chance nachtrauernd, halb Zuflucht suchend in der Ausrede, dass Industrie und Wirtschaftskraft ja auch nicht alles seien. Immerhin wurde Bern Bundeshauptstadt. Das half aber nicht wirklich; es scheint, dass die sich ausbreitende Beamtenmentalität der Entwicklung der Stadt eher hinderlich war.

 Gegen Zürcher und HSGler

Neue Entwicklungen werden in Bern immer zunächst als Gefahr gesehen. Als allerorten Mietvelos auftauchten, reagierte man in Zürich vorsichtig offen, in Bern verbot man sie vorsorglich und wartete auf eine staatliche Lösung. Zürich…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»