Hanspeter Strebel, Kathrin Barbara Zatti: «Es gibt Dinge, die brauchen Zeit»: Elisabeth Pletscher, Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts.

Herisau: Appenzeller Verlag, 2005

Elisabeth Pletscher gehört zu jenen starken Frauen, die Geschichte gemacht haben, ohne sich je persönlich in den Vordergrund zu drängen. Die von einer Männerlandsgemeinde demokratisch beschlossene Einführung des Frauenstimmrechts im Kanton Appenzell-Ausserrhoden wäre wohl ohne ihren unermüdlichen Einsatz nicht möglich gewesen. Der schöne Band über diese Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts gibt einen guten Einblick in die Biographie einer markanten Vertreterin der sogenannten «Aktivdienstgeneration». 1959 begründete Pletscher ihren Ruf als Kämpferin für die politische Gleichberechtigung der Frau. Sie berief sich auf Marie von Ebner-Eschenbachs Erkenntnis: der grösste Feind des Rechts ist das Vorrecht! So charakterisierte sie das Männerstimmrecht als überholtes Privileg. Die Zeitungen berichteten über Pletschers Brandreden, mit denen sie gegen ein traditionell verankertes Vorurteil antrat. Damals wurde es als Sensation gewertet, dass eine Frau es überhaupt wagte, in hoffnungsloser Position ausgerechnet in der Männerbastion Appenzell das Wort zu ergreifen.

Elisabeth Pletscher war eine beeindruckende Rednerin und eine begnadete Erzählerin. Das noch unter ihrer Mitwirkung verfasste Buch berichtet über ein privates Leben, das im Dienst der Gemeinschaft stand und trotz, oder gerade wegen seiner Verwurzelung im Lokalen auch internationale Ausstrahlung hatte. «A Challenge to Change» – unter diesem Motto hielt die schon 82jährige, die beruflich als Cheflaborantin an der Zürcher Universitätsklinik gewirkt hatte, eine Rede als Teilnehmerin des World Congress of Medical Technologists, einer euro-atlantischen Vereinigung, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg mitgegründet hatte. Einer ihrer Sätze war auch für ihre eigene Biographie prägend: «Nehmt die Herausforderungen an, das zu verändern, was verändert werden muss, und bewahrt gleichzeitig, was es wert ist, unverändert zu bleiben.» Elisabeth Pletscher wurde von der Universität St. Gallen das Ehrendoktorat verliehen. Ihre gut dokumentierte Biographie zeigt, dass es nicht nur Dinge gibt, die Zeit brauchen, sondern auch Menschen, die Zeit geben und mit ihrem Leben auch die Zeit lehren.

besprochen von REGULA STÄMPFLI.

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