Handschrift und andere Zumutungen

Das war wohl das schlimmste Fettnäpfchen, in das ich letztes Jahr getreten bin: Ich schrieb einer jungen Dame einen Brief. Von Hand! Mit dem Wunsch, sie doch bald wieder einmal zu sehen. Reaktion: Schockstarre, Schweigen. Enthielt der Brief vielleicht Unziemliches, Ausdrücke, die eine junge Dame erröten liessen? Keineswegs. Es muss das Handschriftliche gewesen sein, das […]

Handschrift und andere Zumutungen

Das war wohl das schlimmste Fettnäpfchen, in das ich letztes Jahr getreten bin: Ich schrieb einer jungen Dame einen Brief. Von Hand! Mit dem Wunsch, sie doch bald wieder einmal zu sehen. Reaktion: Schockstarre, Schweigen. Enthielt der Brief vielleicht Unziemliches, Ausdrücke, die eine junge Dame erröten liessen? Keineswegs. Es muss das Handschriftliche gewesen sein, das ihr so fremd, so ungewohnt intim vorkam – anscheinend hätte ein Nackt-Selfie sie nicht stärker schockieren können als mein handgeschriebener Brief. Junge Damen können aufatmen, denn das wird ihnen – und künftigen Generationen – wohl nicht mehr passieren. Die Handschrift, heisse sie nun Grund-, Basis- oder Schulausgangsschrift, wird nicht mehr das Kommunikationsmedium für persönliche und intime Mitteilungen sein. Weil es nämlich kaum mehr Handschriften geben wird, die diesen Namen verdienen. In unseren Schulen wird die Schnürlischrift, aus der sich eine persönliche Handschrift entwickeln könnte, bekanntlich demnächst abgeschafft. Dann wird schriftlich bestenfalls noch per Einzelbuchstaben gestottert. Arme Graphologen!
Unsere Schriftbildungsreformer stehen damit noch nicht einmal an der Spitze des Fortschritts. In Finnlands Schulen wird ab 2016 auf das handschriftliche Schreiben ganz verzichtet. «Flüssig tippen ist eine nationale Kompetenz», sagt das finnische Bildungsministerium. Und in Holland existieren bereits über 20 private «Steve-Jobs-Schulen», an denen Papier und Bleistift nur noch als historisches Anschauungsmaterial dienen. Dabei belegen Experimente, dass eigenhändiges Aufzeichnen die gedankliche Aneignung des Stoffes viel besser fördert als blosses Tippen – weil dadurch mehr Hirnregionen aktiviert werden. Wer schreibt, der lernt. Und wenn Buchstaben, Silben, Wörter, Zahlen keine individuelle Gestalt mehr haben, dann kann dies auch auf den Inhalt abfärben. Das Wort von der Schrift als Spiegel der Seele bekäme folglich eine neue, eine fatale Bedeutung…

 

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»