Hallo, Dienstmann!
Es wird freundlich gelächelt, trotz schweren Koffern: das Leben eines Hotelportiers. Bild: ClassicStock / akg-images / H. Armstrong Roberts.

Hallo, Dienstmann!

Ein Schreiben an die FDP von den Portiers des «Grand Hotel Liberté».

«Was ein Dienstmann alles machen muss, ist schwer. Trotzdem sagt er immer freundlich: ‹Bitte sehr!›» (aus «Hallo, Dienstmann», 1952)

Als «engagierter Nachwuchs» des Freisinns fühlt man sich manchmal zurückversetzt in ein altehrwürdiges Grand Hotel, und zwar in die Rolle des Portiers. Der Ruf des noblen Hauses eilt ihm voraus: die Familie am Esstisch spricht mit Ehrfurcht, selbst die Medien mit Respekt darüber, Freunde und Verwandte sind oder waren schon im Grand Hotel engagiert. In diesem Haus, so erfährt man, treffen sich gegenwärtige und künftige Wirtschaftskapitäne, hier werden Entscheidungen von grosser Tragweite getroffen. Wer bei diesen Entscheidungen mitbestimmen will, verkehrt im «Grand Hotel Liberté» – die einen in der Grande Suite, die anderen eben als Portier. Wer ganz unten anfängt, kann jedoch schon bald Risse in der pompösen Fassade erkennen. Weil Renovationen nur oberflächlich vorgenommen wurden, ist der alte Glanz über die Jahre hinweg etwas verlorengegangen. Grundlegende Reformen, wie sie zum Beispiel ein durch die Digitalisierung verändertes Umfeld erfordert, wurden auf irgendwann in der Zukunft verschoben.

Ein fleissiger, wohlerzogener Portier wird anfänglich mit offenen Armen empfangen. Belegschaft und Führungsriege sind froh, dass junge Menschen den Willen aufbringen, die nicht glamouröse, aber wichtige und von den Etablierten eher verschmähte Muskelarbeit zu leisten. Auffallend viele Jungfreisinnige engagieren sich – verschwindenden Wahlchancen zum Trotz – bei Arbeiten wie Wildplakatierungen, Verteilaktionen oder der Organisation von öffentlichen Politdiskussionen. Durch den regelmässigen Kontakt mit potentiellen Wählern erkennen sie schon früh, wo diesen der Schuh drückt. Fehlentwicklungen werden in Betrieben bekanntlich meistens zuerst ganz unten festgestellt. Die Portiers, die nicht auf eine Karriere als Funktionär abzielen, sondern die Grundidee des Hauses pflegen und weiterbringen möchten, sehen die Behebung dieser Umstände als eine vordringliche Aufgabe an. Ihre Absicht ist es nämlich, das Grand Hotel Liberté zu altem Glanz zurückzuführen, ja in neuem Glanz erstrahlen zu lassen!

Dieses Schreiben an die Geschäftsleitung des Grand Hotel Liberté, die FDP, soll nicht als Quittung, sondern als Handlungsempfehlung seitens einer jungen, engagierten Basis verstanden werden. Da Bemühungen, diese Handlungsempfehlungen intern anzubringen, aus fragwürdigen Gründen abgewiesen wurden, stellen wir nun auf öffentlichem Weg drei Fehlentwicklungen zur Debatte.

1. Fehlender Meinungswettbewerb

Ein Erfolgsrezept der dezentralen liberalen Ordnung ist das Einbringen vieler Meinungen und Handlungen in einem Entscheidungsprozess. Statt dem Befehl eines zentralistischen Organs können so die Erfahrungen und das Wissen vieler Teilnehmer genutzt werden, eine optimale Lösung wird föderal geschaffen. Doch die Partei des Wettbewerbs meidet den Meinungswettbewerb. Mit dem Blick auf die Erfolge von führungstreuen Parteien wird eine trügerische Geschlossenheit zelebriert, die weder Substanz hat noch zur Tradition des Freisinns passt. Statt grundsätzliche Diskussionen zu wichtigen Themen zu fördern, um dann den gemeinsam erarbeiteten Konsens selbstbewusst nach aussen zu tragen, preschen Führungsgremien oft mit einer Meinung vor und verhindern jegliche Kritik.

Bereits die Ursprünge des Freisinns bestanden aus einer heterogenen Meinungsvielfalt. Im Lauf der Zeit löste sich die freisinnige Fähigkeit, diese zu einer Stimme zu ballen, auf. Andersgläubige wechselten die Partei oder gründeten eine eigene. Nach und nach wurden dem liberalen Falken die Flügel gestutzt.

Der immer grösser werdende Hang zu vorgespurten Meinungen nimmt der Auseinandersetzung allen Wind aus den Segeln. So weigerte sich die Parteileitung der Schwyzer Kantonalpartei, die Diskussion zur Initiative «No Billag» an der Delegiertenversammlung mit ihrer Jungpartei zu führen. Zur Diskussion wurde nur ein Initiativbefürworter ausserhalb der FDP zugelassen – es hätte ja sein können, dass der eigene Nachwuchs mit seinen Argumenten die Delegierten überzeugt. Im Kanton St. Gallen war es nur dank einer geheimen Abstimmung möglich, die individuelle Meinung zur gleichen Initiative zu äussern. Mehrere Dankesnachrichten an die Jungfreisinnigen bestätigten im Anschluss die Notwendigkeit…