Halb so viel, wie Atlee Rouse von Pferden weiss

Kurzgeschichte von Bret Anthony Johnston. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Mit Illustrationen von Arianna Vairo.

Halb so viel, wie Atlee Rouse von Pferden weiss

Das erste Pferd, das seine Tochter hatte, kam von einem Wanderrummel; da waren Kinder auf ihm geritten, schrecklich, immer im Kreis, im Uhrzeigersinn. Ein Schecke mit Senkrücken und Spalthufen, aber Tammy hatte sich auf der Stelle in ihn verliebt, und Atlee hatte dem Schausteller einen Schein in die Hand gedrückt. Das war eine halbe Ewigkeit her, damals, in der Nähe von Robstown, Texas. Atlee war Pferdewirt mit eigener Ranch im westlichen Umland; Laurel, seine Frau, gab bei ihm Reitstunden. Er hatte den Anhänger nicht mitgebracht – schliesslich hatte er nicht vorgehabt, an diesem Tag ein Pony zu kaufen –, und so fuhr er auf dem Heimweg schön langsam, hielt die Zügel durchs Fenster fest, das Pferd trottete neben dem Truck her, und Tammy sass auf seinem Rücken und sang Lieder über Cowgirls, die sie sich selber ausdachte. Sie nannte ihn Buttons. Keine Ahnung, wie lange er beim Rummel immerzu im Kreis gelaufen war. Jedenfalls ist Buttons bis ans Ende seiner Tage kein einziges Mal linksrum geschwenkt.

Ein Jahr später, ein paar Tage nachdem der Hurrikan Celia zugeschlagen hatte und alle Leute im Schutt und Schlamm nach ihren durchgeweichten Fotoalben und verlorenen Schmuckstücken gesucht hatten, rief eine alte Frau aus Corpus wegen einer Fuchsstute an. Die gehöre nicht ihr. Sie habe sie gefunden; hinten in ihrem eingezäunten Garten habe sie gestanden, die Stute, nass bis auf die Knochen und total verängstigt. «Ich glaub, das war der Sturm, der sie hierhergetrieben hat», sagte die Frau.

Er fuhr hin und warf der Stute einen Strick nicht um den Hals, sondern um den Huf und lockte sie dann mit leisem Zureden und einer Zuckerrübe in den Anhänger. Dann setzte er eine Anzeige in die Zeitung, hängte Zettel in den Futtermittelhandlungen aus und rief sämtliche Rancher an, die er kannte. Er nannte sie Celia, und es stellte sich heraus, dass sie ein richtig tolles Pferd war, klug und trittsicher. Es hatte sich nie irgendwer gemeldet, der das alte Mädchen wiederhaben wollte. Was Atlee sich echt nicht erklären konnte.

Das Schönste, was er je gesehen hatte, waren die Wildpferde in Arizona gewesen. Er war zu einem Ehepaar nach Phoenix gefahren, um Celia dort abzuliefern; die Leute brauchten ein Beistellpferd für einen Grauschimmel, der koppte und webte. Dass sie Atlee fehlen würde, war wohl nicht zu übersehen, denn nach dem Abendessen sagte einer der Rancharbeiter, er habe eine Idee, wie er ihn wieder aufmuntern könne, und dann fuhren sie zum Salt River raus. Niemand wusste, wie lange die Herden überleben konnten. Für den Staat waren sie streunendes Vieh, absichtlich zusammengetrieben, ohne jede Ankündigung, ohne ordentliches Verfahren. Atlee aber sah an diesem ersten Abend hundert Pferde. Mit dem Feldstecher des Rancharbeiters entdeckte er die Hochebene und erspähte dort im orangenen Staub die Tiere. Sie scharrten mit den Hufen, bockten und warfen die Köpfe zurück. Sie klapperten mit den Zähnen und schnappten nacheinander, jagten sich voll Übermut in wildem Spiel. Der Wind liess ihre Mähnen und die Schweife wehen. Sie bissen sich gegenseitig in die Knie, bäumten sich auf und schnupperten in die Luft. Als einem der Hengste ein Geruch in die Nase fuhr, vielleicht von Atlee selbst oder dem Truck oder der Zigarre des Rancharbeiters, rannten mit einem Mal alle los, auf und davon, so schnell, wie er’s noch nie gesehen hatte. Die Herde zerstreute sich und sammelte sich wieder, zerstreute sich und sammelte sich wieder, ein einziger bebender, weit auseinandergezogener Leib, bis sie erneut zusammenkamen und eine herrliche Linie bildeten, einen Meridian, der Vorher und Nachher teilte.

 

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Atlee hatte gelesen, dass die Reiter der US-Kavallerie immer abgeworfen wurden, sobald ihre Pferde eine Büffelherde…