Alexandra Janssen, zvg.

Hänsel, Gretel und die Inflation

Die Teuerung trifft ärmere Haushalte besonders stark.

«Vor einem grossen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hiess Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu ­beissen und zu brechen, und einmal, als grosse Teuerung ins Land kam, konnte er das tägliche Brot nicht mehr schaffen.»

Nicht nur im Märchen leiden die Leute unter der Infla­tion – sie ist real. Im letzten Jahr ist die Inflation in den USA und der Eurozone auf den höchsten Wert seit dreissig Jahren gestiegen. Und wie im Märchen treibt die Inflation vor allem ärmere Haushalte um. Umfragen aus Deutschland und den USA zeigen, dass besonders einkommensschwache Personen einen Anstieg der Inflation befürchten. Viel weniger ­besorgt ist Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Sie erwartet im laufenden Jahr eine ­geringere Inflation und fordert dazu auf, «geduldig und ­beharrlich» mit der Geldpolitik fortzufahren.

Woher kommt es, dass sich besonders Menschen mit ­tiefen Einkommen vor der Inflation fürchten und staatliche Akteure diese Furcht als Schreckgespenst abtun?

Die Inflation verzerrt Preise, was langfristig zu tieferer Wertschöpfung und einem wirtschaftlichen Abschwung führt. Das trifft einkommensschwache Haushalte besonders hart. Zusätzlich verliert das Ersparte, das diese Haushalte häufig als Liquidität halten, durch die Inflation an Wert. Einigermassen geschützt ist nur, wer früh reale Güter erworben hat. Doch die Inflation bringt auch Gewinner ­hervor: die Schuldner. Wer sich zu tiefen Zinsen verschulden konnte, profitiert davon, dass die Inflation den realen Wert der Schuld reduziert. Die grössten Profiteure dieses ­Effektes sind die hochverschuldeten Staaten in der Euro­zone und die USA.

Die Inflation macht also Sparer ärmer und reduziert die Schuldenlast der Staaten. Sie ist letztlich eine demokratisch nicht legitimierte Steuer. Es liegt in der Natur der Sache, dass ärmere Haushalte sich davor fürchten – und wie der Holzfäller im Märchen die bitteren Konsequenzen tragen müssen –, während sich Politiker und Beamte durchaus ­Vorteile erhoffen.

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