Haarschnitt gefällig?

Die Schweiz als Dienstleistungsgesellschaft? Lieber nicht. Bläht sich der Dienstleistungssektor auf, drohen Arbeitslosigkeit und Prekariat. Warum die Industrie das Antriebsrad der hochproduktiven Dienstleistungsbranchen bleibt und wir auch künftig nicht davon leben können, einander nur noch die Haare zu kürzen.

«Wie darf ich die Haare schneiden?» Die Standardfrage eines Friseurs dürfte den meisten bekannt vorkommen. Egal ob der Wirtschaftsmotor brummt oder die nächste Rezession vor der Türe steht, der Friseur des Vertrauens wird regelmässig aufgesucht. Haare wachsen schliesslich unabhängig von der wirtschaftlichen Konjunktur.

Von einer derart stabilen Nachfrage können andere Branchen nur träumen. In der Industrie und Teilen des Dienstleistungssektors sind konjunkturelle Fluktuationen beinahe an der Tagesordnung. Läuft die Wirtschaft rund, so brummen die Branchenmotoren auf Hochtouren, kühlt sich die Konjunktur ab, folgt die Branchengrippe.

Wäre es deshalb nicht sinnvoll, wenn sich eine Nation vermehrt dem stabilen Teil des Dienstleistungssektors zuwenden würde? Das Wachstum an Arbeitsstellen in verschiedenen Dienstleistungsbranchen zeugt davon, dass die Veränderung ohnehin in diese Richtung geht. Und wer auf dem Friseursessel sitzt und seine Haare zu Boden fallen sieht, mag denken, dass diese Branchen in den letzten Jahren deshalb gewachsen sind, weil sie von eminenter volkswirtschaftlicher Bedeutung sind – ein verlockender Fehlschluss. Zwar trägt das Friseurgewerbe zum Wohlstand einer Nation bei, doch der Wohlstand des Friseurs und des von ihm gepflegten Kunden hängt wesentlich mit der Produktivität jener Branchen zusammen, welche die Friseurgeräte, die Desinfektionsmittel und den im Gebäude stehenden Lift produzieren: die verarbeitende Industrie. Diese gehört in der gängigen Einteilung zusammen mit weiteren Industrien zum sekundären Sektor, der wiederum zusammen mit dem primären (Landwirtschaft) und tertiären Sektor (Dienstleistungsbranchen) ein komplexes System bildet, das wir Volkswirtschaft nennen (siehe Graphik 1).

Innerhalb dieses Systems legitimieren Dienstleistungsbranchen ihren Ausbau oftmals selbst und locken mit vermeintlich hohen Löhnen. Derartige Signale tragen jedoch zu einer Wahrnehmungsverzerrung bei, die Folgen hat, welche man gegenwärtig im Vereinigten Königreich beobachten kann. Deshalb behandeln wir an dieser Stelle das Zusammenspiel der verschiedenen wirtschaftlichen Kräfte und die Bedeutung eines ausgewogenen Wirtschaftssystems für das Kollektiv, das wir als «Gesellschaft» kennen1.

 

Die vier Gruppen des Dienstleistungssektors

Der Dienstleistungssektor ist in vielen Ländern heute der grösste Akteur. Dieser lässt sich in vier Branchengruppen mit ähnlichen Merkmalen unterteilen:

1. Die hochproduktiven Dienstleistungsbranchen: beispielsweise das praktizierende Anwalts- und Arztgewerbe, das Banken- oder Versicherungswesen.

2. Die Branchen mit qualifizierten Berufsgruppen oder «Handwerkstätigkeiten» des Tertiärsektors: beispielsweise das Verkehrswesen, der Handel, das Reparatur- oder Friseurgewerbe.

3. Dienstleistungsgewerbe mit niedrigeren Anforderungen: beispielsweise das Reinigungswesen oder die «Burgerbastler» in Fastfoodketten, die anhand von Piktogrammen Mahlzeiten erstellen.

4. Die öffentliche Hand: sie leistet Dienste, die meistens nicht gewinnorientiert erbracht werden. Entsprechend ist die Produktivität oftmals geringer als in der Privatwirtschaft. Der entsprechende Wertschöpfungsbeitrag lässt sich aber nicht ohne weiteres erfassen.

Neben Unterschieden im Standardisierungsgrad ist mit Sicherheit auch entscheidend, an welche Kundschaft sich Dienstleister richten. Im Falle der öffentlichen Hand stellt sich die Frage, ob denn überhaupt von einer Kundschaft im klassischen Sinne gesprochen werden kann. Klar ist: mit Ausnahme der hochproduktiven Gruppen 1 und 2 trägt die Mehrzahl der oben beschriebenen Tätigkeiten bzw. Berufsgruppen nur bedingt zur Weiterentwicklung der Schweizer Gesellschaft bei. Unter Weiterentwicklung verstehen wir einen stetig produktiveren Beitrag zum Wohlstand und das Schaffen einer Grundlage, die künftigen Generationen gleiche oder bessere Chancen bietet als heute.

Das höchste Entwicklungs-, Produktivitäts- und Wertschöpfungspotential innerhalb des Dienstleistungssektors haben meist die Branchengruppen 1 und 2. Deshalb gilt es jene Wahrnehmungsverzerrungen zu korrigieren, die zu Berufsentscheiden führen, die aufs «Burgerbasteln» und allenfalls die Endstation Prekariat hinauslaufen.

Dienstleistungen wie Reinigung, Revision und Rechtsberatung sind seit Jahrzehnten die gleichen geblieben, doch durch die vermehrte Arbeitsteilung werden diese nicht mehr innerhalb von Betrieben des zweiten Sektors ausgeführt, sondern extern durch den dritten Sektor erbracht. Allen Dienstleistern ist gemein, dass sie zahlende Konsumenten brauchen, die sich ihre Dienste leisten können. Die Kundschaft in den hochstandardisierten…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»