Gutschweizerisch in Milchkübeln

Am 16. April 1942 wird Arthur Bloch in einen Hinterhalt gelockt, niedergeschlagen, erschossen und in Teile zersägt, die in Milchkübeln im Neuenburgersee versenkt werden. Nur die Füsse ragen als «elende Notsignale» einer grausamen Tat aus dem Wasser heraus.

Der von einer Gruppe Nazi-Sympathisanten in Payerne begangene Mord am Berner Viehhändler Arthur Bloch ist historisch umfassend aufgearbeitet – genannt seien nur «Der Judenmord von Payerne» von Hans Stutz (2000) oder «Le Crime nazi de Payerne» von Jacques Pilet (1977). Dass der 1934 in ebendiesem Städtchen geborene und zur Zeit des Mordes achtjährige Jacques Chessex darüber noch einen Roman geschrieben hat – er hatte die Geschichte bereits 1967 in «Un crime en 1942» literarisch verarbeitet –, erschien letztes Jahr, als die französische Originalversion herauskam, vielen Einwohnern unangebracht. Sie teilen damit die Meinung der Figuren des Romans, die dem Jungen, der sich nach Bloch erkundigt, antworten: «Arthur Bloch, das war früher. Eine alte Geschichte. Schnee von gestern.»

Doch es war vor allem eine schmutzige Geschichte, und das ist sie noch heute. Noch immer stellt sie die Frage, wie Jacques Pilet sie formuliert hat: Wären wir in der Schweiz zu Kollaborateuren der Nazis geworden? Auch Chessex’ Roman stellt sie wieder, doch indirekt, mit literarischen Mitteln, die einen Mehrwert gegenüber den obenerwähnten historischen Studien schaffen. Mit drückenden Bildern eines von Schweinefleisch und Unzufriedenheit strotzenden Städtchens schafft Chessex von der ersten Seite an eine Atmosphäre, die die nationalsozialistisch motivierte Tat als unvermeidlich erscheinen lässt. Zwischen Schweinshaxen und Schweinsohren wird Bloch, der sprachlich zum «dreckigen Schwein» erniedrigt wird, «geschlachtet». Jedes Wort spottet hier der jüdischen Reinheitsgesetze, die den Genuss von Schweinefleisch verbieten.

Als konsequent erscheint vor diesem Hintergrund, dass Chessex sein Zugehörigsein zu dieser «Stadt der Schlächter und Metzger» und die Frage nach der Mitschuld reflektiert. Er tut dies weniger als Einwohner von Payerne, der mit der Tochter eines der Mörder die Schulbank teilte, sondern als Autor, als Erzähler: «Ich schäme mich, Äusserungen, Worte, einen Tonfall, Handlungen wiederzugeben, die nicht die meinen sind, es aber durch das Schreiben unfreiwillig werden.» Zwar verurteilt er an einer Stelle die Payernois als «protestantische Schweine-fresser», die «hinter vorgehaltener Hand» die Taten Deutschlands gutheissen, und bezeichnet die Mörder als eine «Bande heimatbesessener Irrer»; gleichzeitig schlüpft er jedoch in ihre Köpfe und gibt, ohne die Urheber zu kennzeichnen, Sätze wieder wie: «Das jüdische Geschmeiss. Das jüdische Gewimmel. Der listige Jude, der seine Fühler ausstreckt, nach unserer ganzen Wirtschaft greift, der sich in die Politik einschleicht, sogar in die Anwaltschaft, sogar in die Armee. Schaut doch, wie das Judenpack in unserer Kavallerie gedeiht.» Der Leser findet sich in der unkomfortablen Lage wieder, dass sich ihm solche Phrasen aufdrängen und er sich ihnen stellen muss. Auch wenn es nur eine «alte Geschichte» ist.

Jacques Chessex: «Ein Jude als Exempel». Aus dem Französischen von Gret Osterwald. Zürich: Nagel & Kimche, 2010

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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