Gut Stadt will Weile haben

Dom oder Wolkenkratzer? Konstanz oder Wandel? Erfolgreich waren Städte immer dann, wenn sie beides unter einen Hut brachten – und ihre innovative Dynamik auf dem Sockel einer kulturellen Tradition entfalten konnten. Jahrhundertelang bot Europas Zerrissenheit die beste Basis für Städte, Stolz und Standortmarketing.

Gut Stadt will Weile haben
© Joël Tettamanti

Herr Roeck, im 19. Jahrhundert beklagte Charles Baudelaire, der flanierende Melancholiker, dass sich die Städte rasanter veränderten als die Herzen der Menschen. Wie ergeht es heute dem spazierenden Historiker bei Gängen durch die Stadt?

Baudelaire flanierte durch die Zeit der beginnenden Hochindus-trialisierung, in der sich die Städte wirklich dramatisch veränderten und insbesondere die Menge der Menschen in gewaltigem Ausmass zunahm. Das haben wir heute in unseren europäischen Städten, wo die Zahlen eher rückläufig sind, nicht mehr – während sich die Städte in Asien aber zum Teil noch enorm vergrössern. Kurz, meine Wahrnehmung hängt sehr davon ob, wo ich gerade spaziere.

Sie kommen aus Deutschland, leben aber seit 15 Jahren in Zürich. Wie sieht es also konkret bei Ausflügen in diese Räume aus?

Auch sehr unterschiedlich. In Berlin, wo ich seit dem Fall der Mauer jedes Jahr ein- oder zweimal war, ist der Wandel greifbar: Von einem Jahr aufs andere hat sich Berlin immer wieder völlig verändert. In Zürich hingegen ist wenig Bewegung. Was mir hier aber ins Auge springt – und durchweg störend! –, ist die «Verschachtelung» des Zürichbergs. Ein ums andere Mal ist zu sehen, dass alte Villen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts phantasieloser Konfektionsarchitektur geopfert werden: gewöhnlich Mischungen aus Westwallbunker und Seilbahnstation. Das mag unter den Vorzeichen des Wohnraumschaffens geschehen, ist primär aber der Ausverkauf einer Identität an alter Architektur und eine Schande.

Andere störte gerade die pflegliche Kultivierung des Alten: Max Frisch prangerte in den 1950er Jahren das hiesige architektonische Epigonentum an und wünschte Zürich den Mut, neue Formen zu wagen.

Den wünsche ich ja auch: Ich bin ein absoluter Fan interessanter neuer Architektur! Nur sind Genies dünn gesät, und gute Architektur ist ein bisschen teurer als Schuhschachteln in Häuserformat – was zur Folge hat, dass das, was heute als moderne Architektur aufgestellt wird, qualitativ im Schnitt nicht überzeugt. Dieser Befund gilt aber nicht nur und nicht einmal im besonderen für die Schweiz, im Gegenteil: Hier gibt es ja immer wieder Entwürfe von wirklichen Meistern ihres Fachs, von Zumthor bis zu Botta und vielen anderen.

Pläne sind schön und gut, nur kommen sie in Schweizer Städten wegen Einsprachen und politischen Bremsen kaum je durch.

Natürlich: es kommt immer nur Mittelmass durch – aber auch das ist ein internationales Phänomen. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in Augsburg, wo die Architekten deswegen die Wettbewerbe gewinnen, weil sie aus lokalen Verhältnissen stammen und genau wissen, was das mittelmässige Gremium an mittelmässiger Architektur haben will. Aber auch in vermeintlich architektonisch hochstrebenden Städten ist die Lage nicht besser: Lässt man sich in Hongkong nicht von ein paar Highlights von Norman Foster und anderen Stars und der ganzen nächtlichen Glitzersilhouette blenden, muss man sagen: Es ist einfach brutal schlecht, was da zu sehen ist.

Unter dem Auge des aktuellen Betrachters wandeln sich die Städte also immerfort. Wenn Sie den städtischen Raum nun aber aus der Warte des Historikers und also in der langen Dauer anschauen: Zeigt er dann mehr Veränderung oder eher Konstanz?

Ein Bereich, in dem es auf jeden Fall Konstanz gibt, sind die Zeichen. Wenn Sie versuchen, in Amerika eine Stadt zu erfahren, gehen Sie dorthin, wo die tollen Wolkenkratzer sind, falls es sie denn gibt – oft herrscht down town nur Trostlosigkeit; bei uns gehen Sie ins Zentrum, wo Dom und Rathaus stehen. Das heisst: die alten Gebäude stiften Identität. Und entsprechend findet Wandel meistens in der Peripherie statt – ist die Innenstadt betroffen, gibt’s bekanntermassen gleich gewaltige Diskussionen.

Das ist gewissermassen die Konstanz der baulichen Substanz. Wie sieht es aber mit den mentalen Komponenten aus? Die alten Städte gelten gemeinhin als Horte bürgerlicher Tugenden, effizienter…

Scheitern wir am Raum?

Die Konstellation ist brisant: die Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten bevölkerungsmässig spürbar gewachsen, von 6,3 (1980) auf 8,2 Millionen (2013) Einwohner – und mit ihr der Wohnraum, allerdings nicht in die Höhe, sondern in die Breite. Dem bunten Treiben haben Herr und Frau Schweizer bis vor kurzem mit Gelassenheit, ja Gleichgültigkeit zugeschaut. Das Siedlungswachstum, […]

Gut Stadt will Weile haben
© Joël Tettamanti
Gut Stadt will Weile haben

Dom oder Wolkenkratzer? Konstanz oder Wandel? Erfolgreich waren Städte immer dann, wenn sie beides unter einen Hut brachten – und ihre innovative Dynamik auf dem Sockel einer kulturellen Tradition entfalten konnten. Jahrhundertelang bot Europas Zerrissenheit die beste Basis für Städte, Stolz und Standortmarketing.

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