Guram, Sandro und Nodar

Ich habe Georgien bereist – und bin mit Taschen voller Geschichten zurückgekehrt. Die Personen, die ich kennengelernt habe, kamen mir vor wie Protagonisten eines Romans, dessen Titel lauten könnte: «Vom abenteuerlichen Leben moderner Bildungsbürger». Zuerst treffe ich Guram Sali. Unser einheimischer Fahrer ist in Tat und Wahrheit Lehrer, der an einer Privatschule Russisch unterrichtet. Das […]

Ich habe Georgien bereist – und bin mit Taschen voller Geschichten zurückgekehrt. Die Personen, die ich kennengelernt habe, kamen mir vor wie Protagonisten eines Romans, dessen Titel lauten könnte: «Vom abenteuerlichen Leben moderner Bildungsbürger».

Zuerst treffe ich Guram Sali. Unser einheimischer Fahrer ist in Tat und Wahrheit Lehrer, der an einer Privatschule Russisch unterrichtet. Das aber nur, weil er die ersten 16 Jahre seines Lebens in Russland verbrachte, denn eigentlich ist er an der Universität Tbilisi ausgebildeter Romanist – nach der Scheidung von einem Russen zog es seine Mutter zurück nach Georgien (sie war eine Freundin von Joseph Brodsky, aber das wäre nochmals eine andere Geschichte). Guram ist ein schweigsamer Mann mit Bart, der meist eine verdunkelte Brille trägt. Wir könnten uns duzen, sagt er, kein Problem, derweil seine Gestik eindeutig das Gegenteil kommuniziert. Guram mimt den Mann aus den Bergen. Verbrieft ist, dass er bis vor kurzem als Alpinist unterwegs war. Nun klettert er mit 42 Jahren auf hohe Gebäude und Monumente in der Stadt, um Dinge zu fixen – Hochrisikoarbeit. Wenn Guram spricht, dann am liebsten über Voltaire oder Blaise Pascal. Bloss kein Smalltalk. Seine Franzö-sischkenntnisse sind gewaltig, die Aussprache einnehmend. Der Lieblingssatz: «Ça, c’est normal. Ça me plaît.»

Sandro Jamburia, unser Guide, sieht aus wie 30, ist jedoch erst zarte 20 Jahre alt. Er spricht perfekt Englisch und dank einem Austauschsemester in Zürich auch sehr gut Deutsch; absolviert hat er die «Sechste Autorisierte Schule Tbilisi», an der Guram unterrichtet. Zu dritt sind wir mit Gurams Minibus unterwegs nach Kachetien, auf Weinentdeckungstour. Sandro studiert in Tbilisi Soziologie und will für ein paar Semester nach Berlin wechseln. Seine Bildung ist stupend, er kennt Europa, er kennt das Mittelalter, er versteht viel von Wein, er bringt mich zu einem Winzer-Anarchisten, einer weiteren Romanfigur – Sandro ist mit 20 der allinformiert-universalge­bildete Guide.

Guram scheint trotz seiner Wortkargheit auch ein geselliger Typ zu sein, denn er fragt auf einmal auf der Rückfahrt, ob ich mit ihm einen Kaffee trinken gehen will. Als wir in Tbilisi ankommen, wird klar, warum: er möchte mir sein Lieblingslokal zeigen, das «Newsroom Caffé». Der Besitzer heisst Nodar Dugladze. Guram setzt sich an einen Tisch und beginnt zu schweigen. Nodar ist dafür umso redseliger. Wo wir waren, will er wissen. Beim Präsidenten. Der Präsident sei ein Philosoph, sagt er. Ich frage zurück: auch ein Philosophenkönig? Ach, man vergesse immer wieder, dass für Plato selbst der Philosophen-könig bloss eine Metapher gewesen sei. Wir gehen nach draussen und diskutieren über Platos «Politeia», während ich innerlich staune und lächle: Du gehst in Georgien einen Kaffee trinken, und schon hast du einen philosophischen Disput am Hals!

Ich bitte Nodar, mir seine Geschichte zu erzählen. Auf diesen Augenblick hat er gewartet. Er legt in fliessendem Deutsch los, und ich protokolliere:

Nodar Dugladze ist 1968 in Georgien geboren und aufgewachsen. 1985 geht er in die Westukraine, um Romanistik zu studieren und Russisch zu lernen – bis er merkt, dass die Ukrainer nur schlecht Russisch sprechen. Von 1986 bis 1988 leistet er Militärdienst in Sibirien, den er seinen «kostenlosen Gulag» nennt. Zurück in Georgien studiert er westeuropäische Sprachen und Internationale Beziehungen; sein Geld verdient er mitunter als Sicherheitsoffizier im georgischen Präsidialpalast. 1996 geht’s an die Humboldt-Universität und die TU Berlin, Mission: klassische (Selbst-)Bildung im Humboldt’schen Sinne. Er verkehrt im Künstlercafé Burger, arbeitet als Türsteher, lernt Wladimir Kaminer kennen und macht auf Russendisko. Er befreundet sich mit Helmut Höge, dem linkslegendären Redakteur der TAZ. Er gründet «Iberia», eine georgische Wochenzeitung für Georgier in Berlin mit internationaler Ausrichtung, die er nach seiner Rückkehr 2008 in Georgien herausgibt. Nodar übersetzt das «New York Times»-Supplement als erster in eine Fremdsprache und legt es «Iberia» bei. Auflage: 2000. Zu wenig. Das Projekt scheitert. Er schlägt sich durch und eröffnet sein «Caffé», eine Hommage an die Kaffee- und Zeitungskultur. Alles ziemlich irre.

«Die Leute hier lesen zu wenig», wirft Guram in die Runde. Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst romanhafte Leben führen. Bildung, lerne ich in Georgien, ist keine Pflicht und auch kein Luxusgut. Bildung ist eine stets verlässliche Kraft im wilden Leben.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»