Große hole Bäum voll Honig

War 1804 ein gutes Weinjahr in Ohio? Für die Adressaten der Briefe von Jean Jacques Dufour eine zentrale Frage, nicht nur, weil sie an dessen Leben persönlichen Anteil nahmen, sondern auch, weil sie ihre Entscheidung, nachzureisen, von dessen ökonomischem Durchbruch abhängig machten. Die Frage, ob es im neuen Hier besser oder schlimmer sei, ist Thema […]

War 1804 ein gutes Weinjahr in Ohio? Für die Adressaten der Briefe von Jean Jacques Dufour eine zentrale Frage, nicht nur, weil sie an dessen Leben persönlichen Anteil nahmen, sondern auch, weil sie ihre Entscheidung, nachzureisen, von dessen ökonomischem Durchbruch abhängig machten. Die Frage, ob es im neuen Hier besser oder schlimmer sei, ist Thema vieler der Auswanderer-berichte des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten.

So jubelte Johann Baptist Bourquin im Jahre 1733: «Man kann von diesem Land wol sagen, daß es, wie ehemahls das gelobte Land Canaan, von Milch und Honig fließe; dann in den Wälderen findet man aller Orten große hole Bäum voll Honig.» Keinen Honig fand hingegen Traugott Hagenbuch, dessen Durst nach schnellem Geld in der Silbermine nicht gestillt wurde, sondern ihn in Todesangst versetzte: «Es ist ein athemraubendes Geschäft, mit dem brennenden Licht in der einen Hand da hinauf zu klimmen, und nicht geringe Beklemmung erregt der Gedanke an die zwanzig Mann, welche voraneilend an den Sprossen über mir hängen, an die zehn, welche unter mir emporklettern: Stürzt Einer, so sind wir alle verloren.»

Was den einen das gelobte Land, ist den anderen ein «verwirrtes Babel» (so Esther Werndli 1736). Der Versuch, allgemeingültige Regeln wie «Wer will ziehen in die neue Welt, | Der muß haben einen Säckel mit Gelt; | Und dazu einen guten Magen, | daß er kann die Schiffs-Kost ertragen.» (Verfasser unbekannt) aufzustellen, ist nichts anderes als ein Zeugnis für das Bewusstsein, nur eine von vielen Realitäten erfassen zu können – eine Tatsache, die für Nachzügler unter Umständen verheerend sein konnte.

Auch wenn die hier zitierte Regel bisweilen noch heute zutreffend sein mag, so ist es dennoch für uns heutige Leser nicht so sehr das Was als das Wie, nicht ein spezifisches Interesse am Weinbau, sondern vielmehr eines an dessen Beschreibung, das uns zum Lesen dieses Panoptikums differenzierter Wirklichkeiten bewegt. Deren Widersprüchlichkeit lässt deutlich werden, wie vielfältig die Reaktionen der Auswanderer auf die gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit und das Neue der noch fremden Heimat waren. Die bis auf wenige Änderungen der Darstellung und Anordnung unveränderte Neuausgabe des 1977 im Walter-Verlag von Leo Schelbert und Hedwig Rappolt erschienenen kleinen Universums an Auswandererberichten, vereinigt achtzig, von «weitgehend namenlosen Leute[n]» verfasste Dokumente, die sich lesen wie ein Abenteuerroman inszenierter Realitäten.

Leo Schelbert & Hedwig Rappolt (Hrsg.): «Alles ist ganz anders hier». Überarbeitete Neuausgabe. Zürich: Limmat, 2009

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»