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Groschenroman in Überlänge

Lebenslange Lesegewohnheiten dringend ablegen! Das ist meine persönliche Lesefrucht aus André Winters grossangekündigtem Familien- und Jahrhundertroman «Die Hansens», der im August – durchaus ansprechend ausgestattet – im Bilgerverlag erschienen ist. Zunächst beginnt alles ganz gut; das Innenleben eines fiebernden Kindes ist die Anfangssichtweise, die durchaus mitreisst. In den Blicken des Jungen durch das Fenster nach […]

Lebenslange Lesegewohnheiten dringend ablegen! Das ist meine persönliche Lesefrucht aus André Winters grossangekündigtem Familien- und Jahrhundertroman «Die Hansens», der im August – durchaus ansprechend ausgestattet – im Bilgerverlag erschienen ist.

Zunächst beginnt alles ganz gut; das Innenleben eines fiebernden Kindes ist die Anfangssichtweise, die durchaus mitreisst. In den Blicken des Jungen durch das Fenster nach draussen zeigt sich seine Gebundenheit an Räume, Häuser, Denkweisen und Vorgaben, bis hin zum «Toten Fenster Fernsehen», das in seiner Schwärze vom Sehen weg auf das eigene, haltlose Fühlen verweisst. Beeindruckend ist, wie der Autor das von Film- und Fernsehen geprägte Denken des 20. Jahrhunderts übernimmt und reflektiert: «Einen Film haben» ist das Bedürfnis des Menschen, einen Film über sich, über die Welt und über den unbekannten Vater zu haben. Hier liegt die Spitze der Fähigkeiten Winters: das Schreiben von Drehbüchern wäre wohl seine eigentliche Aufgabe in der Welt, denn wo es ihm gelingt, so zu erzählen, wie ein Film laufen könnte, oder wo er einen Dialog dicht gestaltet, sind «Die Hansens» tatsächlich gut – also auf höchstens 20 von 300 Seiten!

Aber der Autor will mehr, will einen langen Roman, will eine Art Summe aus der Literatur des 20. Jahrhunderts. Wollte man all die beinahe abgeschriebenen Szenen (aus Thomas Manns «Felix Krull» etwa oder aus Döblins «Berlin Alexanderplatz» – dem Winter für die Möglichkeit des «freien Zitierens» sogar im Nachwort dankt) positiv bewerten, müsse man sie wohl als Intertextualität bezeichnen oder als Pastiche, statt eben als abgeschriebene Szenen. Doch dann müsste alles auf dem Hintergrund eines eigenen Tones arrangiert sein, müsste eine Funktion des Zitierens über das «Guckt mal, das kenn’ ich!» spürbar werden… Doch das ist bei allem guten Willen nicht hineinzulesen. Die Grenzen der Lächerlichkeit sind oft überschritten – etwa im eigentlich hochdramatisch angelegten Kapitel über den Eistod des Vaters Hansen, in dem eine Zährte im Wasser schwimmt, die wohl dem Leser eine Zähre der Trauer entlocken soll, die jedoch eher dazu führt, das man genervt Jammertränen vergiesst über soviel Differenz von Anspruch und Produkt, die nicht nur hier hervorscheint.

Die Widmung: «Für Söhne. Für meine Brüder, für meinen Vater» und Sätze wie «Das Weib schweigt. Seine Lider schliessen sich schwer» offenbaren «Die Hansens» früh als patriarchalischen Kitsch. Die Unwahrheit des Kitsches und das Erheben jeder Kleinigkeit zu dramatisch-schicksalhafter Bedeutung, die dann im Verlaufe des Buches oft vergessen wird, wie etwa die Idee des Ostpols, machen das Ganze zum Groschenroman in Überlänge. Im Aufreihen der Klischees und modischen Trends heutiger Literatur und Soaps (vom Geistheilen über die geisteskranke Frau bis zum Gesang als Lebensinhalt) sowie im Bemühen fast aller must-haves der literarischen Gestaltung des 20. Jahrhunderts (vom Naziwiderstand bis zur Hippiebewegung und dem Mauerfall) wird auf dem Monte Verità der Gipfel überschritten, als ausgerechnet Hermann Hesse vorbeiläuft. Danach ist es endgültig aus mit der «Stringenz» des Erzählens, die dem Debütroman den «Zentralschweizer Manuskriptpreis» eingebracht hat. Doch an dieser Stelle des Romans angelangt, ist man froh, endlich durch zu sein und ist eigentlich schon alles egal.

Nie wieder, das habe ich gelernt, lese ich einen so früh als schlecht erkennbaren Roman bis zu Ende, dazu ist das Leben zu kurz. Allemal besser wäre es, eine Relektüre der schamlos ausgeschlachteten Originale zu beginnen, damit uns das 20. Jahrhundert nicht als Kitschfilm abhanden kommt.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

André Winter: «Die Hansens». Zürich: Bilger, 2007.

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