Griechische Komödie

Die Griechen haben ein Gespür fürs Dramatische. Seit Ausbruch der Eurokrise hält die griechische Tragikomödie das globale Finanzpublikum in Atem: Clowneske Einlagen – denken Sie nur an Pensionen für Tote, für unverheiratete Töchter oder an Boni für pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz – tragen sichtbar zum öffentlichen Unterhaltungswert bei. Die Aufführung erreicht nun aber im Konflikt […]

Griechische Komödie

Die Griechen haben ein Gespür fürs Dramatische. Seit Ausbruch der Eurokrise hält die griechische Tragikomödie das globale Finanzpublikum in Atem: Clowneske Einlagen – denken Sie nur an Pensionen für Tote, für unverheiratete Töchter oder an Boni für pünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz – tragen sichtbar zum öffentlichen Unterhaltungswert bei. Die Aufführung erreicht nun aber im Konflikt des quirlig-chaotischen Griechenlands mit den ungläubig draufzahlenden Resteuropäern eine neue Klimax.

Gleich zwei bewährte Narrative prägen den Konflikt – Narrative, die politisch äusserst lehrreich sind. Einerseits erleben wir den bekannten Konflikt zwischen Gross und Klein. Wie schon im Kampf Davids gegen Goliath liegt in einer solchen Anlage die Sympathie des Publikums tendenziell auf Seiten des Kleinen. Vor allem wenn der Riese tumb, unförmig und arrogant daherkommt. All diese Attribute treffen zweifellos auf die EU zu. Das ist wohl der Grund dafür, dass das kleine, ökonomisch weitgehend unbedeutende Griechenland den EU-Stier am Nasenring durch die Arena führen kann.

Mit dem unverhofften Auftritt des – je nach politischem Standpunkt – Superhelden oder -bösewichts Alexis Tsipras kommt nun ein zweites Narrativ hinzu: der zeitlose Konflikt zwischen Ordnung und Chaos. Denn die neue, zugleich links- wie rechtspopulistische Regierung hält sich so gar nicht an die europäischen Regeln der politischen Höflichkeit. Konsensorientierter Pragmatismus stösst plötzlich auf Ideologie. Welche Kraft wird dabei triumphieren? Die Zeichen in Brüssel stehen auf Akkommodation. Im Volksmund würde man sagen: Frechheit siegt.

Drei Lehren ergeben sich aus der Vorstellung. Erstens: Politik ist Theater und braucht starke Erzählungen. Zweitens: Kleinheit kann eine Stärke sein. Und drittens: Wenn eine Seite dem Systemerhalt verschrieben ist, ergeben sich Spielräume für chaotische, unvernünftige Kräfte. Welche Lehren zieht wohl das Schweizer Publikum daraus?