Gretas grosser Coup

Verzicht ist das Narrativ der Stunde.

Greta Thunberg ist ein Coup gelungen. Dank ihr und den durch sie inspirierten Schülerdemonstrationen ist es wieder «in», über den Klimawandel zu berichten und zu diskutieren, die Kids haben Migration, Schulden und viele andere politische Probleme von der Medien­agenda geschubst. Besonders wirksam sind die im Umfeld von «Fridays for Future» propagierten, radikalen Forderungen zum Schutz des Klimas: der Verzicht aufs Fliegen, Fleischessen oder – in diesem Kontext besonders «speziell» – Kinder­kriegen. Futter für die Schlagzeilen!

Verzicht ist das Narrativ der Stunde: Wirtschaftswachstum, so die Logik, verbrauche Ressourcen und erzeuge zuvorderst Abgase. Klimaschützend sei folglich ein Verzicht auf Wachstum und damit auf Wohlstand. Grosse Stärke der Verzichterzählung: Dem Wohlstand zugunsten eines höheren Gutes abzuschwören ist ein tief im kollektiven Bewusstsein verankertes Motiv – zahlreiche Religionen predigen es. Kein Wunder, tun sich jene schwer, öffentlich Gehör zu finden, die der moralisch elektrisierenden Erzählung vom Verzicht widersprechen. Darunter vor allem: Ökonomen. Denn Ökonomen setzen Greta, Schülerstreiks und moralischen Appellen dröge Zahlen entgegen. Sie rechnen, bevor sie fordern: Was kostet der Klimawandel? Was kostet seine Bekämpfung? Die Analysen des Wirtschaftsnobelpreisträgers William Nordhaus z.B. zeigen, dass man damit zu ganz unromantischen Ergebnissen kommen kann. Was also, wenn reiche, mitunter kapitalistische Gesellschaften den Klimawandel besser bewältigen als arme? Was, wenn es Wirtschaftswachstum braucht, um die Katastrophe abzuwenden?

Müsste es dann nicht viel eher heissen: «Wachsen für das Klima!» oder «Reich werden gegen die Katastrophe!»? Welches Kind mag das Gesicht dieser Parolen werden? Und: Gingen reiche Gesellschaften dafür auf die Strasse? Wohl kaum. Für Ökonomen und andere Freunde des Wachstums ist also Geduld angesagt – mindestens bis die Medien­karawane zum nächsten Aufregerthema weiterzieht und auch kom­plexe Argumente wieder eine Chance haben.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»