Grenzerfahrung

Grenzerfahrung

Geboren und aufgewachsen in Freiburg i.Br., waren mir Basel und Zürich stets näher als Berlin oder Stuttgart, Strassburg oder Brüssel, als Stettin oder Dresden ohnehin. Später dann, mit einer Schweizerin in Berlin lebend, machte einem die einst nahe Grenze in der Ferne das Leben schwer – es war die Zeit vor den «bilateralen Verträgen», und die Schweiz stand abseits von jenem Europa, das begonnen hatte, seine Binnengrenzen zu lockern. In Biel/Bienne und Zürich, inzwischen verheiratet (Permis B), tauschten wir die Rollen. Zweierlei Pässe eben. Harmlos natürlich im Vergleich zu ganz anderen Zeiten, luxuriös gegenüber der Situation der Tamilen und Bosnier, mit denen ich eine Zeitlang Teller wusch, unvergleichbar mit den elenden Fluchtgeschichten hinter den Gittern des Ausschaffungshaftcontainers in der nahen «Kaserne» oder der Abschiebehaft im grenznahen Weil am Rhein. Und dennoch schwierig – und verunsichernd: denn die gefühlte Nähe (geographisch und sprachlich, bei staatlicher Nichtzugehörigkeit) erwies sich im Alltagsleben als eher tückisch denn erhellend, als eher mühsam denn hilfreich. Und so blieb es bei der Nähe in der Ferne und der Ferne in der Nähe, wechselseitig. Dauerhaft Ausländer beim Nachbarn, doch auch fremd im «eigenen Land». Eine Existenz zwischen den Orten, Systemen, gesellschaftlichen Formen, oder, positiver formuliert: eine Art Doppelung der eigenen Zugehörigkeit (nicht ohne Abhängigkeit). Inzwischen als Verleger in Zürich und Berlin unternehmerisch tätig, neige ich mittlerweile dazu, an beiden Orten mir selbst und den anderen die Schweiz zu erklären – nicht zuletzt, weil die «deutsche Metaphysik der Staatsangehörigkeit» (Dahrendorf) Doppeltes nicht zulässt.

Jenseits der zweifellos noch immer wirksamen historischen Unterschiede (nicht nur der geschichtlichen Fakten, sondern auch ihrer zahlreichen Kostümierungen), jenseits der topographischen Verschiedenheit (nicht nur der Grösse, der Landschaft, sondern der jeweils eigenen Grenzverläufe im Innern der beiden Länder), jenseits eines seltsam hartnäckigen psychologischen Komplexes (nicht nur der Zerrbilder, sondern eines veritablen «Narzissmus der kleinen Differenz») frage ich mich, wohin es denn gehen kann und soll mit den beiden Nachbarn. Die einzige, wenn auch zunächst keinen Deut klärende Richtung, die mir einfällt, lautet: Europa. Welches Europa? Das Europa der befestigten Aussengrenzen? Das einer einheitlichen Steuer-, Sicherheits-, Handelspolitik? Ein Europa der Kommissare, des Proporzes, der Normen? Das der «Regionen»? Ein Europa der Werte? Der «Bürger»? Das Europa von Maastricht, Nizza, Amsterdam, Lissabon? Wohl kaum. Das Europa von Schaffhausen, Edirne, Kristiansand, Bregenz? Schon eher. Meine Wohnnachbarn in Berlin sind Türken, Deutsche, Inder, Vietnamesen, etc. Meine Nachbarn in Zürich sind Norweger, Schweizer, Deutsche, Iraner, Italiener, Portugiesen…

Es muss wohl zehn Jahre her sein (mein erster Antrag auf Arbeitsgenehmigung war gestellt, aber noch nicht gebilligt). Zu Fuss über den Grenzübergang in Riehen, einen Freund (Grenzgänger) in Lörrach besuchend, wurde ich (wieder einmal) vom Schweizer Zöllner abgepasst. Der Aufforderung, meinen Pass vorzuweisen, folgte (er hatte diesen bereits in Händen) die inspizierende Nachfrage: «Wo sind Sie geboren?» Entlastend war wohl weniger die Antwort (denn die stand klar und deutlich auf dem gerade ausgehändigten Papier zu lesen), sondern dass diese in klar artikuliertem, alemannisch gefärbtem Hochdeutsch erfolgte. Nach Überprüfung der Papiere dann die (mich in meiner naiven Nervosität völlig verblüffende) Feststellung: «Sie arbeiten bei uns.» Mein erster, unausgesprochener, völlig törichter Gedanke: «Wie, ich soll beim Zoll arbeiten?»

La Suisse n’existe pas! L’Allemagne non plus!

L’Europe? Pas encore.

Für die «Carte Blanche» laden wir jeweils einen Autor zu freien Assoziationen zum Thema des Dossiers ein.

Michael Heitz, geboren 1969 in Freiburg im Breisgau, lebt in Zürich und Berlin und ist Verleger von diaphanes.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»