Grenzen der Umverteilung

Einkommensungleichheit ist nicht per se schlecht, und umfassende Ex-post-Umverteilung dient langfristig niemandem. Auch nicht den Armen.

Folgt man den aktuellen Debatten um die Verteilung des Wohlstands, könnte man fast meinen, nicht Armut sei das Problem, sondern Reichtum. «Immer mehr Millionäre in der Schweiz» scheint etwa nicht mehr Leistungsausweis vernünftiger Politik zu sein, sondern Problembeschrieb. Daraus folgen Forderungen nach höheren Steuern und Lohnbeschränkungen für Topverdiener.

Dabei gäbe es einigen Anlass zu grösserer Differenziertheit. Es mag in den Ohren vieler frevelhaft tönen, aber: Es gibt so etwas wie ein «optimales» Mass an Ungleichheit. Wo dieses liegt, lässt sich jedoch schwer beantworten. Eine der «fundamentalsten und umstrittensten» (Andersen/Maiborn 2016) Fragen der heutigen Ökonomie lautet denn auch: wie muss die Wertschöpfung menschlichen Tuns verteilt werden, damit sich eine Volkswirtschaft am besten zum Wohle aller ent­wickelt? Drei Einschätzungen lenken die Diskussion über die Verteilung wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit in eine gehaltvolle Richtung:

1. Die Zahl der Superreichen ist gestiegen. Das muss uns nicht beunruhigen.

2. Ungleichheit ist nicht automatisch schlecht und Umverteilung nicht per se gut.

3. Was uns interessieren sollte, ist die gesellschaftliche Mobilität. Bei tiefer Mobilität ist Ungleichheit schwerer ertragbar als bei hoher.

Wohlstand schaffen oder verwalten?

Superreiche stehen oft im Mittelpunkt der Debatten um die Verteilung des Wohlstands in der heutigen Zeit. Das ist einerseits verständlich – einige wenige Exponenten haben in der Vergangenheit mit exorbitanten Auswüchsen zuweilen ein gar einfaches Feindbild geboten. Es sind aber Zweifel daran erlaubt, ob mit diesem Fokus Wesentliches über die Verteilung des Wohlstandes in einem weiteren Sinne ausgesagt werden kann. Die Diskussion scheint vielmehr von Wertvorstellungen (wie viel ist genug?) und zuweilen von Neid getrieben – jenen, die es schwer haben im Leben, hilft das nicht weiter. Interessant ist aber ein Blick auf die Entwicklung der Gründe für enormen Reichtum. Caroline Freund, Senior Fellow am Peterson Institute, hat dazu in ihrem Werk «Rich People Poor Countries» als erfrischend nüchterne Betrachterin Daten zusammengetragen.1

In ihrer Analyse zeigt Freund z.B., dass der Anteil der Milliardäre, die diesen Status durch Erbe erlangt haben, gesunken ist – in den Schwellenländern sehr deutlich von 43 Prozent im Jahr 2001 auf 21 Prozent im Jahr 2014, in den Industrieländern immerhin von 42 Prozent auf 37 Prozent. Geändert hat sich im selben Zeitraum auch das Kräfteverhältnis zwischen Industrie- und Schwellenländern: Lebten 2001 in den Schwellenländern mit 102 Milliardären nur gerade ein Fünftel aller Milliardäre, so waren es 2014 mit 705 schon 43 Prozent. Drittens gab es auch Verschiebungen bei den Ursprüngen des grossen Reichtums (siehe Abbildung 1). Unterschieden werden dabei die Kategorien «Eigentümer/Exekutive», «Finanzbranche», «Gründer» und jene, die im Zusammenhang mit natürlichen Ressourcen und Politik zu Reichtum gekommen sind – von den vier Kategorien also sicher die am wenigsten erwünschte. In den angelsächsischen Gebieten und dem reicheren Teil von Europa hat die Finanzbranche etwas mehr Gewicht bekommen (+8 Prozentpunkte bzw. +4 Prozentpunkte), in Ostasien sind es Gründer (+5 Prozentpunkte). In den Schwellenländern sind die Veränderungen zwischen 2001 und 2014 deutlich grösser: Um satte 30 Prozentpunkte etwa hat im weniger entwickelten Teil Europas der Anteil der durch Rohstoffe und Politiknähe reich gewordenen Personen abgenommen – und um fast gleich viel (25 Prozent) in der Finanzbranche zugenommen – eine durchaus erfreuliche Entwicklung, könnte man sagen. Insgesamt zeigt sich aber ein uneinheitliches Bild. In Südasien hat beispielsweise der Anteil von durch Politiknähe Reichgewordenen deutlich zugenommen.

Freund widerlegt in ihrem Buch auch die weitverbreitete Meinung, wo einige wenige Milliarden hätten, leide der Rest der Bevölkerung darunter. Ganz im Gegenteil: zum einen besteht zwischen der Anzahl Superreichen und der Ungleichheit – z.B. gemessen als Anteil der Einkommen, der zum reichsten Prozent fliesst – im Ländervergleich kein zuverlässiger Zusammenhang. Das…