Governance: intra-uterine Aspekte

Intransparenz als Evolutionsvorteil?

Wer wollte denn schon etwas gegen Transparenz einwenden? Wo nichts Übles zu verbergen ist, kann doch alles offengelegt werden. Geheime Absprachen, verheimlichte Projekte, unausgesprochene Pläne – sie haben in der modernen Welt von Public und Corporate Governance nichts zu suchen. True and fair soll alles sein, zum Wohle von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit Transparenz sind wir dem Paradies auf Erden gewiss ein wesentliches Stück näher. Und alle Komitees, die zur Einhaltung der korrekten Governance eingesetzt sind, sollen das Glaubensbekenntnis der Transparenz gefälligst so oft wie möglich vor-, die Beaufsichtigten in Verwaltung und Unternehmungen sollen es schön eifrig nachbeten. Auf dass niemand auf den leisen Verdacht verfalle, die Grundsätze guter Governance könnten lediglich Zeiterscheinung, ja gar zur Doppelmoral verführendes Lippenbekenntnis sein.

Das Problem: der Mensch ist genetisch nicht lediglich zur Transparenz bestimmt. Denn das menschliche Weibchen teilt dem menschlichen Männchen durch keinerlei erkennbare Zeichen mit, wann es fruchtbar ist; ja, es weiss es selber nicht wirklich. Der Evolutionsvorteil dieser Fortpflanzungskonstellation liegt darin, dass auf diese Weise das zu befruchtende menschliche Ei unter Umständen in den Genuss alternativer Spermien gelangt. Und möglicherweise sind diese alternativen Spermien genetisch von höherer Qualität als die üblicherweise applizierten.

Damit die spezielle Abstammung eintritt, braucht es den Betrug. Den Betrug nämlich des menschlichen Weibchens, das seinen hütenden, beschützenden und nährenden Ehemann hintergeht. Und den Betrug eines menschlichen Männchens, das Freude hat an der freigiebigen Verbreitung seines männlichen Erbgutes über den engeren Kreis seiner Familie hinaus. Die gesamte Opern- und Operettenliteratur handelt von dieser genetischen Disposition des Homo sapiens, und neunzig Prozent der Belleristik ebenfalls. Unerschöpflich sind Vielfalt und Phantasiereichtum, wie der Betrug sich bewerkstelligen lasse; doch als Konstante bleibt: cosí fan tutte.

Ohne den Betrug wäre die Menschheit vermutlich längst ausgestorben. Die Nachkommen netter und treuer Ehemänner und farblos-unattraktiver, treuer Ehefrauen hätten im grossen Kampf ums Überleben kaum genügt. Damit umgekehrt die gesellschaftliche Kohärenz und der Erfolg der familiären Aufzucht nicht gefährdet werden, sind dem Menschen allerdings auch zweierlei hemmend wirkende Gene mitgegeben worden: jenes der aus freien Stücken befolgten Treue, des Anstands und des Respekts einerseits, jenes von Transparenz, Kontrolle, Governance und Sanktion anderseits.

Die condition humaine zeichnet sich durch ein Patt der von diesen Prinzipien ausgehenden Kräfte aus. Weder wäre ein Sodom des ungehinderten Betrugs erträglich noch eine Welt voller Netter und Treuer im laufenden positiven Erfahrungsaustausch, und schon gar nicht ein Utopia der Zucht, Ordnung und Strafe. Das Dreieck erst macht unser Leben einigermassen lebenswert.

Wer einen Spielraum ausserhalb von Transparenz, Kontrolle, Governance und Sanktion – Freiheit genannt – gewährt, muss die Möglichkeit des Missbrauchs, der Übertretung und des Betrugs ebenso in Rechnung stellen wie die Bereitschaft zu anständigem, ehrlichem und treuem Verhalten. Die Freiheit impliziert also auch die Existenz von Kuckuckseiern, als wüsste sie gleichsam um deren evolutionäre Bedeutung. Die gesellschaftliche Ordnung der Freiheit ist deshalb auch in der Lage, das Ergebnis unrechten Tuns zu legalisieren und die Zeit zum Heilen einzusetzen. Ersessenes Eigentum und Amnestien stehen Restitutionsabkommen und Historikerkommissionen diametral entgegen. Der Versuch zur Schaffung von Transparenz in zeitlich vertikaler Dimension vergiftet Gegenwart und Zukunft genauso wie DNA-Proben friedvolle Familien kaputtmachen.

Selbstverständlich muss die gesellschaftliche Ordnung der Freiheit auch bestrafen können. Strafrecht ist ein freiheitliches Konzept; denn es rechnet damit, dass sich jemand die Freiheit zu einer Übertretung oder einem Vergehen nimmt. Ja, auch Verbrechen werden in Kauf genommen, wenn man sich darauf beschränkt, den Tätern nachzurennen. Der Präventionsgedanke ist demgegenüber totalitärer. Intra-uterin installierte Überwachungskameras und DNA-Detektoren auf gesellschaftlicher Ebene, sozusagen. Darin liegt auch die Tragik der Terrorprävention, ihres absehbaren Scheiterns, des Verrats an der Freiheit, die man zu schützen vorgibt.

Die Governance-Literatur und mit ihr die allermeisten Anstrengungen in Staat…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»