Google-Geld

Ihre Franken, Euros, Dollars können Sie nach wie vor auf die Bank bringen. Nur wird es nicht mehr eine Bank sein, die das Geld zuvor aus dem Nichts geschaffen hat. Das Geld kommt von woanders. Zum Beispiel von Google. Oder von Amazon. Ein Blick in die nahe monetäre Zukunft.

Google-Geld
Stefan Kooths, photographiert von Hans-Jürgen Gerdes.

Monetäre Umwälzungen ähneln Vulkanausbrüchen. Auch jahrzehntelange Ruhe kann trügerisch sein. Eine Betrachtung der Geldgeschichte im Zeitraffer macht deutlich, wie turbulent die Entwicklung bis in die jüngste Zeit hinein verlaufen ist. Von fortschreitender Beruhigung hin zu einem stabilen Endpunkt ist nichts zu sehen. Das derzeit praktizierte System (Papiergeld ohne materielles Reservemedium) ist 42 Jahre jung – und damit gerade mal ein Flügelschlag im monetären Langstreckenflug. Der eine Teil der Bevölkerung ist in die heutige Geldordnung hineingeboren, der andere ist im Strudel des untergehenden Bretton-Woods-Systems in sie hineingeraten. Das aktuelle Geldwesen dürfte kaum der Schlusspunkt der Entwicklung sein, noch kann es als «normales Geldsystem» schlechthin gelten. Aber ganz im Gegenteil: seine Konstruktionsprinzipien – Kreditdeckung und Teilreservesystem – machen es nicht nur störanfällig, sondern auch zerbrechlich. Zu seiner Stabilisierung bedarf es permanenter Zuwendung des Staates und seiner Zentralbank. Den Nutzern wird selbst in ruhigen Zeiten eine jährliche Inflationsgebühr von 2 Prozent in Rechnung gestellt, unregelmässige Extralasten bei Finanzkrisen exklusive.

1. Die Zeit ist reif für neues Geld

Weltweit sind die staatlichen Geldsysteme derzeit in einem prekären Zustand – wir erleben seit einigen Jahren eine Aufblähung der Zentralbankbilanzen, wie sie in Friedenszeiten ohne Beispiel ist. Die Unabhängigkeit der Zentralbanken, einst als Bollwerk gegen den verführerischen Missbrauch des staatlichen Notenmonopols in Stellung gebracht, wird rund um den Globus ausgehöhlt. Damit steigt die Gefahr, dass gesellschaftliche Konflikte mehr und mehr auf Kosten der Geldbenutzer bereinigt werden könnten. Was bei oberflächlicher Betrachtung wie ein Nullsummenspiel erscheinen mag, birgt das Potential zu erheblichen Anpassungsreaktionen. Aus der Tatsache, dass die Gesellschaft mit der Gruppe der Geldbenutzer nahezu identisch ist, folgt nicht, dass eine Umverteilung zu Lasten letzterer folgenlos bliebe.1 Jeder einzelne von ihnen hat einen starken Anreiz, sich gegen die drohende Enteignung zu schützen. Gut möglich also, dass die Menschen intensiver nach Alternativen zum staatlichen Geld Ausschau halten werden – und dabei ausserhalb des konventionellen Bankwesens fündig werden.

Dem Entstehen verstärkten Währungswettbewerbs kommt zugute, dass das Bargeld ohnehin bald nur noch ein Relikt vergangener Zeiten sein wird, wodurch viele praktische Einwände gegen multiple Geldanbieter obsolet werden. Geld wird uns aber weiterhin auf Schritt und Tritt begleiten. Wer es schafft, eine Zahlungsverkehrsinfrastruktur bereitzustellen, die bis in unsere Hosentaschen reicht, und diese mit einem stabilen Tauschmedium zu verbinden, wird gute Karten haben. Die Chancen erhöhen sich weiter, wenn dieses Geld nicht an Staatsgrenzen haltmachte, sondern von Beginn an global gültig wäre. Deshalb könnte es sein, dass wir in absehbarer Zeit wieder mit Gold zahlen und unser Geld nicht mehr «auf der Bank» haben (wo es ohnehin nicht ist), sondern bei Google, Amazon, Facebook oder Microsoft. Diese oder andere Unternehmen mögen sich mehr für die aus unseren Transaktionen zu gewinnenden Marketingdaten interessieren und ihre Geldprodukte als Nebengeschäft begreifen. Dies tun sie in vielen anderen Bereichen aber auch schon. Entscheidend ist, dass es nicht nur auf der Nutzerseite, sondern auch auf der Anbieterseite starke Motive sowie die Potenz geben könnte, ein alternatives Geldsystem bereitzustellen. Damit besteht die Möglichkeit, dass Geld wieder ein echtes Produkt des Marktes wird – frei von staatlicher Manipulation. Banken würden indes nicht untergehen. Sie würden sich nur fortan ausschliesslich ihrer eigentlichen Aufgabe widmen, nämlich der Kreditvermittlung zwischen Sparern und Investoren. 

2. Wie Geld entstand

Vordenker sind ihrer Zeit naturgemäss voraus. Sie stossen daher nicht selten auf Unverständnis und Ablehnung, zumal dann, wenn sie Gewohnheiten und privilegierte Besitzstände in Frage stellen. Dies gilt in besonderem Masse, wenn es um radikale Alternativen in einem Lebensbereich geht, den die Menschen alltäglich als so geläufig empfinden wie den Umgang mit «ihrem» Geld. Als der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek im Jahr 1976 einen Vorschlag zur Entnationalisierung des Geldes vorlegte, ebbte das Interesse…