Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft

Ein Schweizer in Görlitz Der in der Schweiz nicht nur wegen seiner langjährigen Tätigkeit für «Pro Helvetia» bekannte Schriftsteller und Fotograf Michael Guggenheimer ist im Sommer 2007 für seine Verdienste um die an der Lausitzer Neisse gelegene Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec mit deren Europamedaille ausgezeichnet worden. Seine jüdischen Vorfahren hatten die nicht nur wunderschöne und kulturhistorisch bedeutende, […]

Ein Schweizer in Görlitz

Der in der Schweiz nicht nur wegen seiner langjährigen Tätigkeit für «Pro Helvetia» bekannte Schriftsteller und Fotograf Michael Guggenheimer ist im Sommer 2007 für seine Verdienste um die an der Lausitzer Neisse gelegene Doppelstadt Görlitz/Zgorzelec mit deren Europamedaille ausgezeichnet worden. Seine jüdischen Vorfahren hatten die nicht nur wunderschöne und kulturhistorisch bedeutende, sondern damals auch noch reiche Stadt 1933 fluchtartig verlassen müssen – ein die weitere Familiengeschichte entscheidend prägendes Ereignis, das Guggenheimer nicht mehr losgelassen hat. Und so bekam das westliche Schlesien ausgerechnet einen Schweizer zum Chronisten!

Seit dem Jahr 2001 beschäftigt sich der Autor intensiv mit der westpolnischen Stadt, die gleichzeitig die östlichste Deutschlands ist. In seinem 2005 in überarbeiteter Auflage neu erschienenen literarisch-feuilletonistischen Streifzug «Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft» zeichnet Guggenheimer ein eindrucksvolles Panorama dieses architektonischen Kleinods, das in den letzten Jahren von zahlreichen Touristen neu entdeckt worden ist. Es geht in seinem Buch nicht nur um die meist recht glanzvolle Geschichte der Stadt und das, was davon noch übrig ist, sondern auch um ihre gewaltigen Probleme im 20. Jahrhundert, die sich erst seit den letzten Jahren Schritt für Schritt zu mildern scheinen. Der zu Zeiten des real existierenden Sozialismus eklatante Verfall der Bausubstanz scheint gestoppt, die der definitiven Abwicklung vieler Industriebetriebe nach 1990 gefolgte hohe Arbeitslosenquote stagniert zumindest, und nach dem massiven Bevölkerungsschwund der neunziger Jahre sind nun wieder Zuzüge zu verzeichnen. Guggenheimer erläutert das alles, vor allem aber porträtiert er, literarisch gekonnt und mit dem historisch geschulten Blick des Fremden, einzelne Menschen und charakteristische Örtlichkeiten. Das macht sein sympathisches Görlitz-Buch lesenswert.

Die meisten Schriftsteller nehmen bisweilen Gelegenheitsarbeiten an, und oft müssen sie das auch. Oder sie helfen einfach einer guten Sache. Guggenheimers Beitrag zu dem mit eindrucksvollen Fotografien glänzenden und deshalb auch sehr ansehnlichen Bildband «Unterwegs in Görlitz» von 2007 ist eine solche Gelegenheitsarbeit. Seine Texte unterrichten in aller Kürze über das Wichtigste zum Thema. Als «literarisch» wird man diese Tourismusbüro-Prosa allerdings kaum bezeichnen können. Für die attraktive Doppelstadt aber darf man hoffen; denn, mit Michael Guggenheimer gesprochen: «Görlitz ist auf dem Weg, zu einem Scharnierort zwischen Ost und West zu werden.»

vorgestellt von Klaus Hübner, München

Michael Guggenheimer: «Görlitz. Schicht um Schicht. Spuren einer Zukunft». Bautzen: Lusatia, zweite Auflage 2005.

Gerald Grosse: «Unterwegs in Görlitz». Mit Texten von Michael Guggenheimer und Andreas Bednarek. Bautzen: Lusatia, 2007.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»