Gönnen können

Es ist die alte Geschichte und eine denkbar einfache Gleichung: Menschen können nicht gönnen, darum kommt es immer, wie es kommen muss. Mit dieser Formel lässt sich die europäische Geschichte von der Völkerwanderung über die Besiedlung Amerikas bis zum Ersten Weltkrieg erklären. Oscar Peer krempelt die Historie nicht um, er erfindet nichts Neues hinzu. Er erzählt karg und klaustrophob die sehr europäische Geschichte des ungebildeten Menschen, der in seiner engen Heimat an den Rand der Existenz gedrängt wird, der an den wenigen Orten, wo er sich geborgen fühlte, plötzlich keinen Halt mehr findet. Und so kommt es, wie es kommen muss: Chasper aus dem Engadin, aufgewachsen auf der weltabgewandten Seite der Berge, Sohn eines versoffenen Vaters und einer verhuschten Mutter, fehlt nach dem Tod der Eltern jeder Groschen. Mit nichts als Schulden und einem windschiefen Bergbauernhof sieht er die Geier kreisen, der Dorfbürgermeister besitzt angrenzende Weiden, hungriges Vieh und die Schuldscheine. Chasper jedoch ist ein mutiger Mensch, er hat Freunde – glaubt er. Er hat Familie – glaubt er. Also weigert er sich schlicht, zu verkaufen. Das dreihundert Jahre alte Haus gibt er nicht her – glaubt er. Aber die Menschen können nicht gönnen – vergisst er. Es kommt, wie es kommen muss, die vertrackte Situation spitzt sich zu bis zu dem Punkt, an dem Chasper nur der eine Weg bleibt… – mehr wird hier nicht verraten, denn Oscar Peer hat mit «Das alte Haus» eine spannende Novelle verfasst, die zu einem unerwarteten Ende findet. Doch nicht nur das. Er schreibt mit ungezierter Wucht, nach einem straffen Plot, in klarer Sprache und legt so, ohne Allüren, Philosophie und Religion, das erbarmungslose Leben vor den Leser. Das ist keineswegs frustrierend oder hoffnungslos. Es ist, wie es ist. Und hinter den Engadiner Alpen liegt das Meer, und dahinter… – aber mehr soll ja nicht verraten werden.

Oscar Peer: «Das alte Haus». Zürich: Limmat, 2010

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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