«Gleichwertig, aber andersartig»

Die untaugliche Antwort auf den Profilierungszwang der Schweizer Fachhochschulen.

Wer sich zur zukünftigen Profilierung der Fachhochschule (FH) äussert, macht sich mit Bestimmtheit nicht nur Freunde. Denn umstritten ist bereits, was die FH aktuell ist. Das ist nicht verwunderlich, denn die Schweizer FH war von Beginn an mit doppelten Kennzeichnungen versehen: Sie soll auf wissenschaftlicher Grundlage anwendungsorientiert sein – also wissenschaftliche Erkenntnisse zuhanden von Berufswelt bzw. Praxis zur Anwendung bringen, was voraussetzt, dass sie wissenschaftlich fit und mit den Problemen der Berufswelt bzw. Praxis vertraut sein muss. Sie soll weiter höchste Stufe der Berufsbildung und Teil des wissenschaftlichen Hochschulsystems sein. So hören wir bis heute sowohl die Warnung vor Akademisierung der FH (sie nähere sich den Universitäten an und verliere dabei den Praxisbezug) wie auch die Warnung vor Zweitklassigkeit der FH im Hochschulsystem. Offensichtlich ist also die FH kein einfaches Faktum, dessen Konturen hin und wieder in einem Profilierungsprozess etwas geschliffen und geschärft werden können: Ihre Identität ist zumindest gespalten. Deshalb ist die Gefahr gross, dass sich die Profilierungsdiskussion im unfruchtbaren politischen Spiel verliert, die eine Seite gegen die andere auszuspielen und einander dabei schlechtzumachen. Um dem zu entgehen, lohnt sich ein Blick zurück auf die Entstehung und Entwicklung der FH. Man wird dabei feststellen, dass die Formel «gleichwertig, aber andersartig» weniger griffig und deshalb auch weniger geeignet zur Profilbildung ist, als es den Anschein macht.

Rückblick

Die Schweizer FH sind 1995 zum grössten Teil nicht als Neugründungen entstanden, sondern als Umwandlung bestehender Institutionen, genauer: als Aufwertung höherer Fachschulen (wie Ingenieurschulen, höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschulen oder – später – Schulen für Sozialarbeit). In erster Linie ging es dabei um die internationale Anerkennung von Abschlüssen und die Aufwertung der Berufsbildung. Allerdings fiel dies mit der enormen Dynamik zusammen, welche die europäischen Hochschulen seit Ende der 1990er Jahre verändert hat. Stichworte dafür sind etwa der Bologna-Prozess, neue Steuerungsmodelle (New Public Management) mit der Herauslösung der Hochschulen aus der Verwaltung und einiges mehr. So vergeben die FH seither – auch für sie selbst unerwartet – formal die gleichen Abschlüsse wie die universitären Hochschulen, nämlich Bachelor und Master, und so verwandelten sich die administrativen Fusionen kleiner höherer Fachschulen zu unternehmerischen Universities of applied sciences. Anders als in den 1990er Jahren sind die Hochschulen heute nicht mehr Teil der öffentlichen Verwaltung, die sich mit Lehre und Forschung befassen, sondern handeln nun als eigenständige Teilnehmer auf Wissensmärkten und in Innovationssystemen. Das den FH vom Bund vorgelegte Ziel, eine besondere «Rolle als Motor von Innovation» zu übernehmen, wird denn auch erst 2005 formuliert. Man kann die Bedeutung dieser Dynamik kaum hoch genug einschätzen: Die Hochschulen wurden innerhalb kurzer Zeit strategische Akteure in einem neu abgesteckten Feld. Weil das bei der Schaffung der FH noch nicht abzusehen war, mussten oder konnten die Ziele der FH nachträglich neu gewichtet und ergänzt werden. Die ursprüngliche Konzeption der FH, die mit der Formel «gleichwertig, aber andersartig» charakterisiert wurde, steht heute in einem anderen Licht.

Zunächst fällt auf: das Profil der FH wird in Abgrenzung zu demjenigen der Universität entwickelt, was auch heisst: in Abhängigkeit von ihr, der Vergleich mit der höheren Fachschule fällt leider aus dem Blick. Andersartigkeit – der zweite Teil der Formel – bezieht sich auf das, was in der Hochschule geschieht, was die Hochschule produziert. Anders als die universitäre Hochschule soll sich die FH primär an der Berufswelt bzw. Praxis, nicht am Wissenschaftssystem, orientieren. Sie soll zu Problemlösung und Innovation befähigen, nicht die Wissenschaft voranbringen. Für letzteres sei die Universität zuständig, deren Erkenntnisse die FH dann anwendet. Dagegen bezieht sich der erste Teil der Formel – die Gleichwertigkeit – auf Anerkennung, Reputation, Status: Die Anwendung wissenschaftlichen Wissens zum Zweck von Problemlösung und Innovation soll die gleiche Wertschätzung…