Gleichheit: Schicksalsfrei leben

Deutungsversuch unserer breiten egalitären Gegenwart. Ein Essay.

Gleichheit: Schicksalsfrei leben
Hans Ulrich Gumbrecht, photographiert von Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Identität der eigenen Gegenwart aus einer übergeordneten Perspektive zu kritisieren, gehört bis heute zu den Lieblingsrollen der Intellektuellen. Dabei ist sie längst überholt – selbst wenn es eine solche Identität gibt, so fehlt doch eine solche Perspektive. Die Intellektuellenaufgabe von heute kann deshalb nicht einfach in der Identifikation einer neuen Gegenwart liegen, sondern muss den Versuch einschliessen, auch die Verschiebung des eigenen Intellektuellenstatus (in Beziehung zu Gesellschaft und Staat) und seine Folgen für die Erfahrung der Gegenwart zu erfassen.

In der Zeit des historischen Weltbilds glaubten die Denker und ihre Zeitgenossen, Vergangenheit beständig hinter sich zu lassen, wobei sie zugleich unterstellten, dass mit wachsendem Abstand von der Vergangenheit der praktische Orientierungswert der in ihr bewahrten Erfahrung abnimmt. Auf der anderen Seite erlebten sie die Zukunft als einen offenen Horizont von Möglichkeiten. Zwischen dieser Zukunft und jener Vergangenheit erlebten sie die Gegenwart als einen «nicht mehr wahrnehmbar kurzen Moment des Überganges», wie der Dichter Charles Baudelaire um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts schrieb. Eben in der Gegenwart wollte man auf der Grundlage von Vergangenheitserfahrungen unter jenen Möglichkeiten auswählen, die von der Zukunft angeboten werden – und sah darin Fähigkeit zum freien Handeln, die allein dem Menschen gegeben ist. Vorausgesetzt war dabei immer, dass es keine Phänomene gibt, die ihrer Veränderung in der Zeit widerstehen können. Darin lag die zentrale Bedeutung des Begriffs von der «Geschichte».

Im Rahmen dieses Weltbilds war die von Intellektuellen oft mit Leidenschaft aufgenommene Arbeit an einer Deutung ihrer Gegenwart meist Teil der Bemühung, unter der Oberfläche der Fakten und Strukturen «Gesetze» im Ablauf der historischen Veränderungen zu entdecken. Sie sollten es ihnen ermöglichen, die Zukunft vorwegzunehmen. Diese Überzeugung, die in ihr begründete Praxis und auch die Erwartung, dass die Zukunft prinzipiell ein besseres Leben als jenes der Vergangenheit oder Gegenwart verspreche, war die Klammer, welche alle marxistischen und linksprogressiven Weltbilder verband. Für die Intellektuellen war die Deutung der Gegenwart stets willkommener Anlass, um weitere Veränderungen als Verwirklichung der von der Geschichte versprochenen besseren Zukunft einzuklagen. Das gab ihnen einerseits die privilegierte Rolle von Propheten und machte andererseits den potentiellen Widerspruch im Bild von einer besseren Zukunft allzu deutlich, die einerseits versprochen war und andererseits doch noch herbeigeführt werden musste. Bis heute sind die meisten Intellektuellen immun geblieben gegen Erfahrungen von der Veränderung des historischen Weltbilds und ihrer eigenen Rolle, weil sie dieses Weltbild und ihre privilegierte Position als den einzig richtigen Weg zu gutem Leben sehen wollen.

Nachhallend mag diese Sicht der Dinge noch zu unserem Bildungsgepäck gehören, doch in dem seit der Implosion des Staatssozialismus vergangenen Vierteljahrhundert haben sich der Blick auf die Gegenwart und die Rolle der Intellektuellen in grundlegender – und doch nur schwer zu fassender – Weise gewandelt. Die Verstehensschwierigkeiten haben damit zu tun, dass nur sehr wenige Intellektuelle eine Sensibilität für die Veränderung ihrer eigenen Position entwickelt haben – und deshalb von ihrer Umwelt weiter am liebsten als «Kapitalismus» reden, so als ob die Alternative eines traditionellen Sozialismus immer noch existierte (schon vorsichtig freundlichere Namen wie «liberale Demokratie», «soziale Marktwirtschaft» oder «offene Gesellschaft» stehen unter dem Vorbehalt eines generellen Ideologieverdachts). Dabei leben die Intellektuellen heute – zumal was das Europa der EU angeht, aber mittlerweile auch in vielen südamerikanischen und asiatischen Nationen – in Gesellschaften, deren solide Mehrheiten zum ersten Mal in der uns bekannten Geschichte ihre (früher exzentrischen) «Werte» und «kritischen Vorbehalte» teilen. Diese veränderten Gesellschaften stehen für eine neue Norm des guten Lebens, die schnell zu einem globalen Modell geworden ist und von der Abstand zu nehmen heute nur wenigen Staaten gelingt, etwa Nordkorea oder Kuba.

Dass wir so – trotz der Trägheit der Begriffe und Diskurse – in…