Giacometti-Familienbande

Format und Gewicht des Katalogs zur Giaocometti-Ausstellung in der Riehener Fondation Beyeler erlauben, ihn zum Lesen in die Hand zu nehmen, ohne sich an einen Tisch setzen zu müssen. Das Schriftformat ist leserfreundlich und die Verweise innerhalb des Bandes klar erkennbar und zuverlässig. Auch ist das Papier haptisch und optisch angenehm, der Hintergrund der gut photographierten Werke perfekt gewählt – nicht alle Verlage achten die Bedürfnisse der Leser auf diese Weise. Das Thema ist, wie in der Ausstellung, die Familie Giacometti als Entwicklungs- und Entfaltungsraum Albertos.

Die künstlerische Arbeit aller, selbst entfernt verwandter Familienmitglieder, insbesondere aber des Vaters Giovanni Giacometti, wird vorgestellt und der wechselseitige Einfluss ohne beeinträchtigende Wertung verdeutlicht. Da sind die Jugendbildnisse Albertos, sowohl vom Vater als auch von ihm selbst geschaffen. Da berührt das sichtbare Wachsen des Selbstbewusstseins, die aufscheinenden Identifikationen, etwa mit der Signatur Albrecht Dürers – man begreift, welchen Wert es gerade für ein Genie haben kann, wenn solche Bedürfnisse nicht durch die Umwelt kompromittiert werden.

Sehr zurückhaltend, man wagt ja nicht zu sagen kastriert, erscheint die Darstellung der immer unbedingten, gierigen und bisweilen gewalttätigen Wirklichkeitsaneignung Albertos, seine eigentliche überwältigende Leistung. Sein absolut gestaltender, grenzenlos herausfordernder Blick, die Werke der nach letzter Substanz suchenden Löwenpranke, bleiben hier sanfte, dem trauten Familienkreis unter dem Gaslicht beigestellte Dingelchen. Allzu rosig, liebenswürdig und entzückend ist alles in dieser Werkbeschreibung, die nach der immer unterstützenden und fördernden Familie hin ausgerichtet ist. Wagt man es einmal, vom Mythos des Künstlers zurückzutreten und das Schicksal des Menschen Alberto zu betrachten, der sich kaum eine ordentliche Wohnung gönnte, wird die Betrachtung seiner Kindheits- und Jugendbildnisse auf einmal herzzerreissend; der früh alternde, von Zweifeln und Gewaltphantasien geplagte Mensch relativiert die Familienidylle zumindest.

Diese Familie hat Alberto von Geburt an als Künstler geprägt, doch eine Form der Selbstsorge oder gar Selbstliebe wurde ihm nicht vermittelt, die hätte verhindern können, dass er sich mit einer unzureichenden Ernährung von gekochten Eiern, Kaffee und Nikotin zugrunderichtete. Hier ist der Katalog zur Zürcher Giacometti-Ausstellung von 2001 als informativer zu betrachten; es wird keineswegs negativ von der Familie Giacometti berichtet, doch ist die Darstellung des Lebens des Künstlers als eines jungen und älterwerdenden Manns differenzierter und realitätsnäher gelungen. Daher ist die Qualität der Reproduktionen und die Erschliessung der Kunst des Vaters Giovanni als der eigentliche Wert der bei Hatje Cantz erschienenen Publikation zur Riehener Ausstellung anzusehen.

vorgestellt von Sabine Kulenkampff, Erlangen

Fondation Beyeler (Hrsg.): «Giacometti». Katalog zur Sonderausstellung in der Fondation Beyeler 2009. Ostfildern: Hatje Cantz, 2009

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