Gewöhnliche Menschen

Sie kann es einfach nicht lassen: elf Geschichten, elfmal die Chance, etwas Neues zu probieren; doch sie bleibt bei ihrem Thema, und so finden sich überwiegend biographische Skizzen in Alexandra Lavizzaris aktuellem Erzählband. Gott sei Dank. Dieses Metier beherrscht sie im grossen und ganzen souverän. Geschult an Künstlerbiographien über die unterdrückte Malerin Gwen John (2001), die Brieffreundinnen Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach (2008) oder die literarischen Nachbarskinder Harper Lee und Truman Capote (2009), wagt Lavizzari sich in «Flucht aus dem Irisgarten» nun an Durchschnittsmenschen – eine weit schwierigere, weil gewöhnliche Spezies. Doch auch die Lebensläufe dieser «Gewöhnlichen» bieten vielfach lesenswerte, teilweise betrübliche, teilweise spannende Schicksale, wobei die aus Basel stammende Autorin nie vergisst, dass sie eben von diesen «Gewöhnlichen» schreibt. In den Geschichten werden Chancen vertan, gewichtige Momente übersehen, bleiben Bedürfnisse unerfüllt, ohne dass die Welt, die Heimatstadt, die Nachbarschaft oder die Familie den Atem anhält.

Lavizzari versteht es zumeist, einen exakt beschreibenden Ton zu treffen, den schlichten Figuren und ihren einsamen Nöten gerechtzuwerden, ohne in platte Phrasendrescherei auf der einen oder weihevolle Ergriffenheit auf der andern Seite abzugleiten. Wenn sie abgleitet, dann in kindlich-versponnene Naturmagie. So enden die drei schwächsten Geschichten in nichtssagender Phantasterei, als wären ehemals gestrichene Episoden aus Michael Endes «Unendlicher Geschichte» zweitverwertet worden. Trotzdem gedeihen im «Irisgarten» weitgehend gelungene Geschichten über die «Gewöhnlichen», von denen so manche dann doch auch Künstler sind… – sie kann es einfach nicht lassen.

Alexandra Lavizzari: «Flucht aus dem Irisgarten». Oberhofen: Zytglogge, 2010

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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