Gewaltüberschuss

Wohin mit den grossen Ambitionen? Über die Söhne der arabischen Revolution

Gewaltüberschuss

Wie gut der Krieg noch jeden Mann durch die Früchte des Sieges oder die Ehren des Heldentodes versorgen kann, weiss Thomas Hobbes schon im «Leviathan» von 1651. Was er damals bestenfalls spüren, aber nicht präzisieren kann, ist Englands Bevölkerungsexplosion von 2,2 auf 5,2 Millionen zwischen 1500 und dem Beginn der Bürgerkriege im Jahre 1642, die dann zehn Jahre gegenseitiges Töten in the name of the Lord bringen. Zum Vergleich: im Jahre 1465 hinterlassen 100 englische Väter gerade einmal 110 erwachsene Söhne. Doch 1505 sind es schon über 200 und gegen 1600 fast 300, die etwas werden müssen. Es besteht, mit anderen Worten, ein grosser Überschuss an jungen Männern.

«Junge Männer, die verzweifelt um Positionen ringen» (Jack Goldstone), kämpfen im 17. Jahrhundert für Krone oder Parlament. Versuche des Königs, die nicht erbenden Adligen mit staatlichen Pfründen zu versorgen, scheitern an ihrer schieren und ständig wachsenden Zahl. Am Ende sorgt der Tod für ein Gleichgewicht zwischen Ambitionen und Positionen.

«Wir kämpfen, um zu gewinnen oder zu sterben», versichern 360 Jahre nach Hobbes libysche Rebellen unter der Führung Allahs. Sie haben bestenfalls eine Ahnung davon, dass Libyen – mit gerade einmal einer Million Menschen im Jahre 1950 – durch einen Geburtensturm seit Gaddafis Revolution von 1969 seine Bevölkerung von zwei auf sechseinhalb Millionen trieb. Keine Ahnung haben sie aber davon, was solche Bevölkerungsexplosionen über das demographische Pulverfass zwischen Marokko und Afghanistan aussagen.

Viele arabische Länder haben ihre youth bulges noch nicht abgebaut. Bei dieser «Ausstülpung» (bulge) der Bevölkerungspyramide gehören von hundert männlichen Einwohnern 30 bis 40 Prozent zur Gruppe der 15- bis 29jährigen. Zum Vergleich: in der Schweiz sind es gerade 19 Prozent. Was passiert also, wenn viele junge Männer auf wenig Raum und bei knappen Ressourcen um ihre sozialen Positionen kämpfen?

Vergegenwärtigen wir uns: drei oder vier Söhne pro Familie streiten erfahrungsgemäss schon im Kindesalter. Ernst aber wird es, sobald die Söhne nach der Pubertät aus dem Haus müssen. Das gilt überall, insbesondere gilt es aber für Regionen und Länder, die keine Perspektiven für die neu Ausgezogenen bieten. In vielen arabischen Ländern bleiben den jungen Männern besonders wenige Alternativen: den ärmlichen, aber ehrbaren Platz im Haus gibt es bestenfalls für ledige Töchter. Einer von dreien, vielleicht auch einmal zwei von vier Brüdern mögen in einem gesicherten Umfeld unterkommen und ein geregeltes Leben führen. Die übrigen wählen meist dieselben sechs Wege: (1) Auswanderung; (2) Kriminalität; (3) Putsch als Offiziere im Beförderungsstau; (4) Bürgerkrieg oder Revolution mit Kaschieren des Ehrgeizes hinter selbstlosen Diensten für wahre Götter, Stämme, Massen oder gleich die ganze Menschheit; (5) Völkermord oder Vertreibung für das Erlangen der Positionen von Minderheiten und (6) grenzüberschreitender Krieg mit Ausmorden für Kolonisation. 

Wie gross sind die Konfliktpotentiale?
Je wohlhabender die sohnesreichen Gebiete werden, desto aggressiver können sie antreten, weil der Nachwuchs besser ernährt und beschult, kräftiger und ehrgeiziger ist. Wo schiere Armut herrscht, sterben viele schon als Kinder. Hunger ist eine furchtbare Geissel, militärisch jedoch keine Gefahr. Um Brot wird gebettelt, doch um Positionen wird geschossen. Bei den arabischen Aufständen finden sich nun Jungmännerüberschüsse und steigende Prokopfeinkommen zusammen. Letzteres verdoppelte sich in Ägypten zwischen 2000 und 2010, in Libyen geht es seit 1970 sogar um den Faktor 10 nach oben.

Von 75 Millionen im Jahre 1950 sprang die Bevölkerungszahl des arabischen Raumes zwischen Atlas und Aden auf heute 350 Millionen Menschen. Die Schweiz hätte in der gleichen Zeit von 4,7 Millionen auf 22 und nicht nur auf 7,6 Millionen hochziehen müssen, um da mitzuhalten. In der Schweiz geht es bekanntermassen eher friedlich zu, viele arabische Länder aber haben bereits traurige Berühmtheit durch andauernde Konflikte und Kriege erlangt. Einige Länder setzen das Blutvergiessen unvermindert…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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