Getroffen in Niederbipp

Nicht jeder hatte einen Grossvater, mit dem er als Kind oder junger Mann über Gott und die Welt sprechen konnte; und auch ein Vater ist längst nicht allen vergönnt, mit dem sich der Herangewachsene – womöglich selbst Vater geworden – auf Spaziergängen oder beim Bergsteigen über die Zumutungen und Verheissungen des Lebens, über kulturelle Erfahrungen und Lockungen unterhalten könnte. Einmal starb der Grossvater früh, oder ein verbissener Familienzwist oder ein nur durch Unverbindlichkeiten kaschierter Abgrund gegenseitigen Unverständnisses trübt das Verhältnis von Vater und Sohn, oder es fehlt schlicht am Willen oder an der Gelegenheit zum Gespräch. Und dann ist es dafür – womöglich schon zu Lebzeiten – zu spät. Oder es hat sie gegeben, die geglückten Gespräche über eine oder zwei Generationen hinweg, aber das ist Vergangenheit und wird nun vermisst. – Neun solche geglückten Gespräche über die grossen Themen des Lebens hat Werner Morlang 1993, ein zehntes 2005 mit Gerhard Meier, dem im Juni 2008 verstorbenen Nestor der Schweizer Gegenwartsliteratur in dessen Heimatort Niederbipp (dem Amrain seiner Texte) geführt. Sie loten erst Leben, dann Werk massvoll chronologisch und ohne Scheu vor gelegentlichen Wiederholungen aus und bieten einen unakademischen Zugang zu Meiers früher Lyrik, der sich anschliessenden kürzeren Prosa und den späten Romanen, vor allem zur Tetralogie «Baur und Bindschädler». Meier betont seinen autodidaktischen Zugang zum Schreiben (er hatte ein Architekturstudium begonnen, dann aber in einer Lampenfabrik gearbeitet und sich zwanzig Jahre lang das Schreiben und das Lesen schöner Literatur versagt) und gibt Auskunft über das vegetative Gewachsensein seiner Texte aus Stimmungen und Gefühlen, über das langsame Reifen auch grösserer Werke im Geist, ehe sie zügig aufs Papier gesudelt und mitunter langwierig überarbeitet wurden.

Neben der Kunst hat vor allem die Natur Meier inspiriert – die Stimmung der Jahreszeiten, das Werden und Vergehen im Jahreskreis, das Abschreiten von Lieblingsspazierwegen bei Sonne und Regen, Hitze und Kälte, der Blick auf die Jurakette, auf die im Weiher gespiegelte Dorfkirche. Morlang und Meier sprechen über das Novemberlicht – zumal zur Nachblüte des Martinisömmerchens um den 11.11. herum –, über die heikle Balance von Spiritualität und Materialismus, über Vergänglichkeit und Schönheit, kleine Strukturen und Überschaubarkeit, und dennoch haben diese Gespräche nichts im schlechten Sinne Provinzielles, Weltflüchtiges oder Borniertes. Dass Meiers inniger Heimatliebe nichts von Lokalstolz, erst recht nichts von Blut-und-Boden anhängt und er mit gleicher Neigung über die Bauern nebenan wie über die Musik Skrjabins, über die Bibel wie über die Spiritualität der Indianer spricht, trägt sicher zu dem schönen, ja erhebenden Leseeindruck bei, der sich bald einstellt und diese Gespräche (die man vielleicht in dem monatlichen Abstand lesen sollte, in dem sie geführt wurden) so kostbar und berührend macht. Werner Morlang – dem Walserforscher und Mitherausgeber seiner Mikrogramme – gebührt das Lob, das Brecht im Gedicht «Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration» dem Mann spendet, der den Philosophen nicht hat ziehen lassen wollen, ohne seine Weisheit zu erfahren: «Darum sei der Zöllner auch bedankt / Er hat sie ihm abverlangt.»

vorgestellt von Andreas Heckmann, München

Gerhard Meier, Werner Morlang:

«Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche» Bern: Zytglogge, 4. Auflage 2007.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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