Gestochen scharf?

«Siebenundfünfzig gestochen scharfe Erzählungen» verspricht im Untertitel der schmale Band von Irène Bourquin. Die Ankündigung weckt Interesse – denn der Buchmarkt quillt über von geschwätzigen Produkten, in denen ein Motiv, das für eine Kurzgeschichte getaugt hätte, zum Roman ausgewalzt ist.

Tatsächlich bringt das Buch viele und kurze Texte; ob man die knappen Skizzen alle als «Erzählungen» bezeichnen kann, sei dahingestellt. Die beiden grossen Teile lassen zwar einen Zusammenhang erahnen. In «Der Milan» drehen sich die meisten Prosastücke um eine lange Zeit gelingende, am Ende vielleicht scheiternde Liebesbeziehung. In «La Nonna» sind die Skizzen um einen Italienaufenthalt gruppiert: eine Grossmutter blickt einer Schriftstellerin von einem Gemälde über die Schulter, und ein alter Schrank, der schon Generationen beobachtet hat, wendet sich an die einsam schreibende Frau. Ist dies die Liebende des ersten Teils, die im Überkommenen Rückhalt sucht? Der Gedanke liegt nahe, doch ist die Konsequenz nicht zwingend. Beide Teile können für sich bestehen, und jeder einzelne Text kann es auch.

Die Stärken von Bourquins Literatur sind leicht zu benennen. Zum einen ist da ein ausserordentlich bewusster Um-gang mit der Sprache. Die Beschreibungen sind im Detail präzise, die Sätze sind rhythmisch genau ausgehört, und in vie-len Passagen ist das Klangliche bestimmend. Diese Prosa transportiert nicht nur Inhalte, nicht nur Handlungen, sondern ist im Spiel mit dem Wechsel besonders der Vokale auch akustisch bestimmt. Es geht Bourquin um Schönheit, und des-halb vermeidet sie auch psychologische Reflexionen, die Jämmerliches zutage fördern könnten. Das Widerspruchsvolle (und ganz selten Peinliche) von Verhaltensweisen ist nicht zergliedert, sondern zeigt sich im Äusserlichen, im Sichtbaren.

Das Buch könnte also ein Fest des Hörens und des Sehens sein, eine Feier positiver Sinnlichkeit, wären da nicht auch die Schwächen. Eine davon hängt mit den Stärken unmittelbar zusammen. Bourquin gibt viele optische Wahrnehmungen wieder, bisweilen aber zu viele. Jede Einzelheit für sich könnte eine plastische Vorstellung erwecken – doch all die Farben und Formen zusammen führen dazu, dass der Gesamteindruck zuweilen diffus bleibt. Ein Bild steht dem anderen im We-ge.

Noch mehr aber stört, wie überdeutlich das Literarische, das Anspruchsvolle bisweilen ausgestellt ist – Indiz dafür ist leider schon das Selbstlob im Untertitel. Zitate in vielen Sprachen signalisieren Weltläufigkeit; ein grell kreischendes Kind im Supermarkt ist nicht einfach ein anschaulich geschilderter Schreihals, sondern entpuppt sich im Schlusssatz dieser Skizze als Vorlage für Grass’ Oskar Matzerath; ein ambivalenter Gedanke steht nicht einfach da, sondern wird als solcher unterstrichen: «Stutzte, verblüfft über die Ambivalenz ihres Gedankens.» Zu allem Überfluss muss am Ende «La Nonna» von ihrem Bild herab mit «stillem Einverständnis» beglaubigen, dass Bourquin ihr Buch gelungen ist: «Ihr Lä-cheln galt nicht dem Schreiben – es galt der Literatur.»

Literatur, die auf sich hält, bedarf solcher Selbstbestätigung nicht, sondern überzeugt durch das Gestaltete. Dies ge-lingt Bourquin in vielen guten Passagen. Doch manchmal wünscht man sich, sie hätte sich auf das Wahrgenommene beschränkt und es nicht durch eine weitere Ebene literarischer Spiegelung verkleinert.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Irène Bourquin: «Im Nachtwind. Siebenundfünfzig gestochen scharfe Erzählungen». Frauenstein: Waldgut, 2008

«Der Entkalker fürs Hirn:
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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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