Gesprächskultur auf Abwegen
Ivette Djonova, zvg.

Gesprächskultur auf Abwegen

Zum Umgang mit politischen Auseinandersetzungen.

«Holt diesen Idioten von der Bühne runter!», «Häb eifach d’Schnurre!». Lautes Ausrufen und wildes Gestikulieren im Publikum anlässlich eines mit nationalen Politikern und Fachpersonen besetzten Podiums des «Tages-Anzeigers» im Frühjahr 2022 zum Thema ukrainische Flüchtlinge. Auch der Umgangston zwischen Politikerinnen und Politikern wird immer schroffer.

In der Politik geht es um die Sache. Zumindest theoretisch. Denn parteipolitische Profilierungskämpfe haben in den letzten Jahren zugenommen: Parteiakteure wollen sich selbst und die eigene Partei positionieren und dem politischen Gegner eins auswischen. Grund dafür ist wohl, dass sich der Konkurrenzdruck unter den Parteien verschärft hat. Pandemie und Gegenmassnahmen, Ukrainekrieg und Sanktionen, Energiekrise und Umweltschutz pflügen ganze Parteiprogramme um. Doch genau in solchen Zeiten wäre Sachpolitik umso wichtiger.

Stattdessen gibt es eine starke Tendenz zur Pöbelei: Andere Meinungen werden nicht nur nicht geduldet, sondern lösen mitunter Entrüstungsstürme aus. Unter Klimaaktivisten gilt sogar Sachbeschädigung als gerechtfertigtes Mittel. Und in den sozialen Medien verbreitet sich der Unmut besonders gut und sichtbar: Ausdrücke wie «nutzloser Troll», «verblendeter Langweiler», «Vogelscheuche» werden dort nicht nur toleriert und als normal betrachtet, sondern kollektiv unterstützt. Bei der Kommentierung von politisch exponierten Personen wird ohne Zögern zur Beschimpfung gegriffen.

Besinnen wir uns! In diesen schwierigen Zeiten brauchen wir weniger übertriebene Polemik und mehr Sachpolitik. Die Offenheit gegenüber anderslautenden Meinungen fördert die Auseinandersetzung mit einem Problem und dessen Lösung. Politische Sachlichkeit ist kein Zeichen der Schwäche, sondern von Professionalität und Respekt gegenüber unserer politischen Haltung. Und die beginnt bei uns – bei jedem und jeder.


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Oliver Zimmer, Historiker,
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