Gespräche mit Jean Romain, Vorwort von Peter Bodenmann, 2. Auflage, NZZ Verlag 2003

Das Buch des amtierenden Bundespräsidenten Pascal Couchepin verkauft sich gut. Der Walliser Freisinnige aus grossbürgerlichem Hause hat politisches Format nie vermissen lassen. Auf ihm lasten viele Hoffnungen nach einer neuen Stärke unserer Landesregierung in Zeiten raschen Wandels. «Ich glaube an die Politik», verkündet Couchepin im Titel seines Gesprächsbuches mit dem Genfer Philosophen Jean Romain überzeugt. Gleichwohl hinterlässt das Buch auf liberal Gesinnte einen zwiespältigen Eindruck. Den spontanen Kräften einer Zivilgesellschaft und dem freien Markt schenkt Couchepin oft wenig Vertrauen, argumentiert vielfach etatistisch und sieht letztlich im Staat den Garanten von Freiheit und Sicherheit. Politisch motiviert und historisch zu einseitig fällt auch die Betonung der Rolle Frankreichs als Beschützerin der schweizerischen Unabhängigkeit und als Begründerin der modernen Schweiz aus.

 Der Interviewstil des Buches ist gesamthaft originell, klug und abwechslungsreich gestaltet, fällt aber bisweilen etwas zu sprunghaft aus, wenn beispielsweise Platon in einem Zug mit dem Rinderwahnsinn genannt wird. Das aussagekräftigste Kapitel des Buches ist dasjenige über das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union. Im Gegensatz zur offiziellen Haltung des Bundesrates und der Mehrheit der Parteien prognostiziert Couchepin der Europäischen Union langfristig ein Scheitern. In klaren Sätzen skizziert er die unterschiedliche Verfassungsgeschichte der USA als vertraglich legitimierter Willensnation und der Europäischen Union als ein von oben initiiertes politisches Konstrukt der Nachkriegsgeschichte. Die Schweiz beschreibt Couchepin als ein insgesamt geglücktes Experiment von Geschichte, Zufall, gegebenen Umständen und einem freiheitlichen Willen ihrer Bewohner. Couchepins Aussagen, dass die Schweiz der Europäischen Union beitreten werde, dass sich die EU allerdings in einigen Jahrzehnten wieder auflöse, kontrastieren nur scheinbar. Couchepins aussenpolitisches Denken orientiert sich an General de Gaulles Maxime eines «Europa der Vaterländer» («l’Europe des patries»).

Wer politische Interviews schätzt, der vermag über den Menschen und den Politiker Couchepin ein facettenreiches Bild zu gewinnen. Der Wert des Buches wird sich vor allem daran zu messen haben, ob es Couchepin gelingt, die grossen Herausforderungen in seinem Departement zu bewältigen und die Interessen der Schweiz im Ausland mit Nachdruck zu vertreten, kurzum, den Worten auch Taten folgen zu lassen.

Der Historiker Dr. Bernhard Ruetz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Liberalen Institut Zürich (ruetz@libinst.ch).

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»