Gesichter des Unglücks

Jemand muss ihnen erzählt haben, was ihnen widerfahren wird. Verstört sitzen sie auf der Laderampe des Lastwagens, dicht zusammengedrängt, ohne Blick füreinander. Jede sieht ihrem eigenen Geschick entgegen, mit Missmut, Zorn, Verzweiflung. Mit seinen Gefühlen ist jedes Mädchen für sich allein. Man hat sie in feine Gewänder gehüllt, in blasses Rosa, Türkis oder Ocker, hat sie […]

Jemand muss ihnen erzählt haben, was ihnen widerfahren wird. Verstört sitzen sie auf der Laderampe des Lastwagens, dicht zusammengedrängt, ohne Blick füreinander. Jede sieht ihrem eigenen Geschick entgegen, mit Missmut, Zorn, Verzweiflung. Mit seinen Gefühlen ist jedes Mädchen für sich allein. Man hat sie in feine Gewänder gehüllt, in blasses Rosa, Türkis oder Ocker, hat sie geschminkt, mit Armreifen, Ringen, Halsketten und Diadem reichlich geschmückt und dann ausgestellt, den Zuschauern zur Freude, Erleichterung und Erheiterung. Nun warten sie auf die Zeremonie, die ihr Leben verändern wird. Das Fest wird nicht drei, vier Tage währen wie in den oberen Kasten der Gesellschaft; für die Armen wird der Ritus auf neunzig Minuten abgekürzt und summarisch vollstreckt. Viele Paare kennen einander kaum, auf dem Lastwagen nebenan sitzen die Jünglinge aufgereiht, ihre Gesichter zeigen dieselbe Beklemmung wie die der Bräute. Die meisten haben ihrem künftigen Ehemann noch nie in die Augen gesehen, noch nie ein Wort mit ihm gewechselt; sie wissen nicht, ob er hübsch oder hässlich ist, hager oder beleibt, roh oder zärtlich, klug oder dumm. Vielleicht hat man ihnen ein Bild gezeigt und eine beschönigende Geschichte erzählt, die sie beruhigen sollte. Oder man hat dem Teenager einzureden versucht, dass nun das Lebensglück begänne, man hat gedroht, beschwichtigt, an die Vernunft appelliert oder dem Mädchen einfach befohlen, dass es nun, obwohl fast noch ein Kind, endlich zu heiraten habe.

Der Termin stand schon lange fest. Es ist jener Tag, der im vedischen Kalender Glück verheisst für alles, was Menschen neu beginnen, sei es die Gründung einer Firma, der Beginn einer Reise, die Unterzeichnung eines Vertrags, die Namenswahl eines Neugeborenen oder die Vermählung. Eine neue Zeit bricht an, eine Zeit, die nie enden wird, ein Glück, das nie zerfallen wird. Was der Mensch an diesem Tag tut, wird immerzu wachsen und niemals abnehmen. Ein guter Stern steht über diesem Tag, doch für die jungen Bräute ist es der Tag des grossen Unglücks. Keine glaubt den leeren Versprechen, keine teilt die Erleichterung der Eltern, die froh sind, ihre Tochter unter die Haube gebracht zu haben, ohne die horrende Aussteuer, die sie niemals hätten aufbringen können, ohne die Kosten eines grossen Hochzeitsfests, ohne die Schande verlorener Unschuld. Die Massenhochzeit, an diesem Tag sind es über 250 Paare, die im indischen Bhopal getraut werden, gibt auch den Armen eine winzige Chance auf Wohlstand. Obwohl Kinderhochzeiten illegal sind, tragen Staat und private Wohltätigkeitsvereine die Kosten der Veranstaltung und spendieren jedem Paar eine erste Haushaltsausstattung, vom Kochtopf bis zur Schlafmatte. Noch das bescheidenste Hochzeitsgeschenk ist ein Grundstein für den Anfang. Nichts von einer freudigen Erwartung spiegelt sich auf den Gesichtern. Zwar besagt das Antlitz nichts über den Charakter eines Menschen, aber es bezeugt Stimmungen, Gefühle, Affekte. Das Photo zeigt die Seele im Unglück, die unwillkürlichen Regungen angesichts des Verhängnisses. Bei vielen sind die Mundwinkel herabgezogen, die Innenseiten der Augenbrauen erhoben und die oberen Lider leicht gesenkt. Viele meiden den Blick der Kamera, um sich nicht zu offenbaren, sie sehen zur Seite oder haben den Blick in Trauer gesenkt. Ein Mädchen in der dritten Reihe, das den Kopf leicht geneigt hat, scheint den Betrachter geradezu um Hilfe anzuflehen. In der ersten Reihe links zeigt eine Braut jene stumme Resignation, die keinen Ausdruck und keine Abwehr mehr kennt. In der Mitte klammert sich ein Mädchen an eine Wasserflasche; so eingepfercht ist es, dass es in der Gesellschaft der anderen fast verschwindet. Nur ihre Nachbarin zur Rechten zeigt noch den Zorn über das, was ihr angetan wird. Lauernd, giftig fixiert sie die Kamera, welche die Stunde ihrer Schmach festhält. Die Lippen sind schmal und waagrecht, die Augenbrauen gesenkt. Ihr Angetrauter, der sich kaum besser fühlt, dürfte in der nächsten Zeit wenig zu lachen haben.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»