Andrea Seaman, fotografiert von Felix Rossier.

Will «Geschichte
der Gegenwart» keine offene Debatte?

Ein auf dem Onlineportal «Geschichte der Gegenwart» veröffentlichter Text behauptet, das Debattenforum «Battle of Ideas» an der Uni Zürich verfolge eine versteckte politische Agenda. Eine Antwort darauf.

Als Mitglied des «Zurich Salon» half ich, die Veranstaltung «Battle of Ideas» am 20. Oktober 2018 an der Universität Zürich zu organisieren. Das erschien mir damals ganz harmlos. Es handelte sich um eine Satellitenveranstaltung eines etablierten Festivals in London, das seit 2012 jährlich im Barbican Centre, Europas grösstem Kunst- und Kulturzentrum, stattfindet. Mit über 3500 Teilnehmern und rund 400 Rednern, die zwei Tage lang alle erdenklichen Themen diskutieren, ist es ein Anlass von beachtlicher Grösse. Von Berlin bis Stockholm finden jedes Jahr Satellitenanlässe statt, die die «Battle of Ideas» (BoI) auf den Kontinent bringen.

Letztes Jahr brachte also der «Zurich Salon» die BoI erstmals an die Universität Zürich. Einen ganzen Tag lang fanden im Rahmen verschiedener Panels Diskussionen über Populismus, #Metoo, Immigration, das kulturelle Erbe von 1968, die Zukunft der Stadt etc. statt. Die Redner hatten unterschiedliche Meinungen. Einige waren Atheisten, andere religiös, manche politisch links, andere libertär, die einen für mehr, die anderen für weniger Regulierung im Sinne einer nachhaltigen Umweltpolitik. Ich unterstützte meinen Vater Paul Seaman bei der Organisation und war dabei vor allem für das Logistische zuständig.

Wir luden auch zwei Mitglieder der Redaktion von «Geschichte der Gegenwart» ein, um an unserer Veranstaltung zu sprechen: Franziska Schutzbach und Svenja Goltermann. Leider sagten beide mit der Begründung ab, sie seien anderweitig engagiert. Im Publikum sassen rund 175 Personen. Sie beteiligten sich mit gegensätzlichen Standpunkten rege an den Diskussionen. Zum Thema #MeToo diskutierten etwa Michèle Binswanger, Federica Gregoratto, Anne-Sophie Keller und Ella Whelan auf dem Podium – die Moderation übernahm Alastair Donald. Diese Diversität der Meinungen ist der Kern jeder «Battle of Ideas». Das Motto des Festivals ist «Free Speech Allowed» (Redefreiheit erlaubt). Die ganze Veranstaltung an der Universität Zürich war ein grosser Erfolg.

Der Schock kam, als ich dann auf «Geschichte der Gegenwart» (GdG) einen Artikel über unsere Veranstaltung mit dem Titel «‹Free Thinkers Welcome!› – Die Uni Zürich bietet libertären Aktivisten ein Forum» entdeckte. Die BoI entstamme einem «libertären Hintergrund» und habe eine «Agenda» zum Zwecke der «Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts», schreibt der Autor, Maurice Weller. Unser «Anspruch an Offenheit und kriti­scher Ausein­an­der­set­zung» sei nur «osten­tativ behaup­tet», die «Art der Organisation und Finanzierung» der Veranstaltung in Zürich sei «nicht transparent» gewesen, unterstellt uns Weller. «Geldgeber» der BoI, so wird mit einem Verweis auf ein Interview im Konjunktiv nahegelegt, seien Novartis, Bayer und Pfizer. Die Universität Zürich wird schliesslich unverblümt aufgefordert, der BoI kein Gastrecht mehr zu gewähren.

Der Artikel suggeriert, dass der Zürcher Satellitenevent von grossen Pharmakonzernen finanziert wurde. Tatsache ist, dass der ganze Event in Zürich nur 12 000 Franken kostete. Alle Spender wurden auf unseren Flyern transparent aufgelistet: Weder Bayer, Pfizer und Novartis noch irgendeine andere solche Firma hatten etwas mit der Veranstaltung in Zürich zu tun. Deshalb standen ihre Namen auch nicht auf unseren Flyern.

Der Verfasser des Artikels auf «Geschichte der Gegenwart» argumentiert wie folgt: Da die BoI in London die Debatte «‹cultural marxism› – threat or myth?» hielt und weil «die Rede vom ‹cultural marxism› in erster Linie von der sogenannten Alt-Right verwendet» wird sowie der rechtsradikale Terrorist Anders Breivik «‹cultural marxism› als einen der Gründe für sein Attentat» nannte, verfolge das Festival die «Normalisierung und Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts».

Der Verfasser glaubt, dass der Titel einer Debatte die Richtung derselben vorgibt. Er behauptet, die Debatte «Has #Metoo Killed the Office Romance?» verhindere eine offene Diskussion, weil «bereits die Frage die Positionierung vorgibt». Vielleicht ist dem Autor das Fragezeichen hinter dem Debattentitel entgangen? Das Fragezeichen kündigt an, dass die Antwort auf das, was es zur Frage macht, offen ist. Es ist genau diese Offenheit, an der sich er und GdG stören. Sie können die Möglichkeit nicht ertragen, dass etwas wahr sein könnte, mit dem sie nicht einverstanden sind.

Die offenbar unerträgliche Frage «Has #Metoo Killed the Office Romance?» zieht die Möglichkeit in Betracht, eine Meinung, die der GdG-Autor nicht mag, könne zutreffen; nämlich, dass #Metoo vielleicht sowohl schlechte als auch gute Seiten hat. Diese offensichtliche Aversion gegen einen offenen Debattenausgang beruht wohl auf der Annahme, die dumme Mehrheit der Menschen würde bei offenen Fragestellungen zu den «falschen» Antworten finden. Ist der Autor, ist die «Geschichte der Gegenwart» tatsächlich der Meinung, dass einige Fragen – wie populär auch immer – nie gestellt, einige Debatten nie stattfinden und einige «Gegner» nie konfrontiert werden sollten? Wollen sie die Debatte in eine Zwangsjacke pressen? Falls dem so ist, wäre das ein autoritärer Ansatz in einer Zeit, in der es für Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten immer schwieriger wird, miteinander offen zu sprechen und zu diskutieren.

Ich bin zur Meinung gekommen, dass es so ist: Nicht wir wollen nicht offen diskutieren, sondern es ist der Autor, möglicherweise auch die «Geschichte der Gegenwart», die nicht offen diskutieren will. Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die keine Fragen haben, sondern nur Antworten. Mit Menschen, die nicht einmal bereit sind, andere, die noch auf der Suche nach einer Antwort sind, ihre Fragen in Ruhe stellen zu lassen. So jedenfalls sehe ich die Aufforderung an die Universität Zürich, der BoI die Plattform zu entziehen. Will der Autor, will die «Geschichte der Gegenwart» eine Mauer um die Universität bauen, damit diese ein sicherer Ort für Konformisten wie sie wird? Muss nicht gerade die Universität der Ort sein, an dem man, mit Hannah Arendt gesprochen, «ohne Geländer denken» sollte?

Ich glaube, dass die neuen, selbsternannten Hüter der Wahrheit jede Möglichkeit der Kritik an ihrem Dogma aus dem öffentlichen Leben verbannen wollen. Wie die Priester der alten Zeit wollen sie jeden häretischen Gedanken im Keim ersticken, weil die Häresie sich sonst unkontrolliert ausbreite, die Welt auf den Kopf stelle. Wir erinnern uns: In der Sowjetunion durfte man keine öffentlichen Diskussionen darüber führen, ob Stalin ein guter oder ein böser Mensch sei. «Stalin ist ein guter Mensch», versicherten die Apparatschiks, «keine Frage», und damit war die Debatte vorbei.

Tatsächlich gibt es Leute, die der festen Meinung sind, dass schon die blosse Diskussion bestimmte Ideen stärke. Sie glauben, dass der Weg, eine Meinung zu bekämpfen und zu schwächen, darin besteht, sie nicht zu diskutieren. Es ist aber umgekehrt: Die einzige Möglichkeit, eine Idee zu entkräften, besteht darin, sie in der Öffentlichkeit zu konfrontieren, sie zu verhandeln, mit Argumenten zu widerlegen. Rosa Luxemburg erklärte noch, die freie Rede gelte speziell für diejenigen, mit denen man nicht einverstanden sei. Karl Marx betonte, dass Rede- und Pressefreiheit so wünschenswert wie eine schöne Rose, aber nur zusammen mit ihren Dornen existieren könne.

Es ist bezeichnend, dass der Autor nur ein einziges Mal konkrete Kritik an der BoI-Zürich äussert. Zur Feminismusdebatte schreibt er: «bei diesem Panel demonstrierte der Moderator (…) offen seine Aversion gegenüber dem Feminismus.» Stimmt das wirklich? Was mit Sicherheit stimmt: Maurice Weller, Verfasser dieses Satzes, nahm an dieser Feminismusdiskussion gar nicht teil. Er sass zu dieser Zeit bei einem anderen Panel – neben mir. Über die drei Debatten, an denen er teilnahm, schrieb er kein einziges Wort. Es ist ein gutes Abbild seiner Methodik: Über das, was er gesehen und gehört hat, hat er nichts zu äussern – während das, was ihm verborgen bleibt, einen fantasievollen Redeschwall provoziert.

Übrigens: Als mein Vater, Paul Seaman, versuchte, seine Position in Form einer Replik auf «Geschichte der Gegenwart» einzubringen, erhielt er die folgende Antwort:

Sehr geehrter Herr Seaman

Besten Dank für Ihr Mail. Ich muss Sie leider enttäuschen: Wir veröffentlichen auf GdG keine «Entgegnungen» zu einem von uns publizierten Text. Für Kritik, Antworten und Entgegnungen auf unsere Artikel stehen unsere Facebook- und Twitter-Accounts zur Verfügung. Auf der Seite «Geschichte der Gegenwart» hingegen publizieren wir nur Artikel, die ein eigenständiges Argument machen. Sie können uns selbstverständlich einen solchen Text einsenden, der dann aber wie alle anderen durch unser normales Lektoratsverfahren geht. Artikel jedoch, die darin bestehen, die Argumente eines von uns publizierten Textes zu kritisieren etc., und die in dem Sinne nicht eigenständig sind, veröffentlichen wir nicht.

Mit freundlichen Grüssen

Philipp Sarasin

Hoffen wir, dass die Universität Zürich keine Mauer baut, sondern das Banner der freien Meinungsäusserung hochhält.

Anmerkung der Redaktion: An der Veranstaltung «Battle of Ideas» an der Uni Zürich nahmen auch die «Schweizer Monat»-Redaktionsmitglieder Stephan Bader (als Zuschauer) und Ronnie Grob (als Debattenteilnehmer und Moderator) teil. Sie teilen den von Andrea Seaman geäusserten Eindruck, dass die verschiedensten Standpunkte und Argumente an der Veranstaltung offen diskutiert wurden – ganz im Sinne einer fair geführten «Schlacht der Ideen».

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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