Georgisch, glücklich – und (fast) gesetzlos

Der Unternehmer und ehemalige georgische Landwirtschaftsminister Mikheil Svimonishvili weiss, was sein Land vorangebracht hat: Flat Tax, Rechtsstaat, Rückbau der Verwaltung – und fehlende Hygienevorschriften.

Georgisch, glücklich –  und (fast) gesetzlos
Mikheil Svimonishvili, photographiert von Martina Jung.

«The Economist» hat vor einiger Zeit geschrieben, dass sich Georgien «als Star des Kaukasus» neu erfunden habe. «Die Polizei lässt sich nicht schmieren, und Elektrizität ist kein Luxus mehr. Aber am wichtigsten ist, dass die Leute selbst über solchen Erfolg nicht länger erstaunt sind. Die grösste Veränderung spielte sich in den Köpfen ab.» Stimmen Sie mit der Einschätzung überein oder zeichnet das britische Magazin ein zu schönes Bild Ihres Landes?

Die georgischen Bauern waren schon zu Sowjetzeiten ausgeprägte kleine Kapitalisten, die im Stillen und Privaten geschäfteten. Dieser Wille der Leute, etwas aus sich und aus ihrem Land zu machen, den gab es. Und den gibt es. Dabei lag es nahe, auf unternehmerfreundliche Bedingungen zu setzen. Damit werden neue Opportunitäten für die Georgier geschaffen, aber zugleich auch für alle anderen im Kaukasus, die ein Business aufziehen wollen. Unsere Situation ist mit jener der Schweiz vergleichbar: In Georgien haben wir ausser Mangan kaum Rohstoffe, aber wir haben fleissige Leute, und das Land liegt geostrategisch goldrichtig. Wer die Geschichte kennt, weiss: Die Seidenstrasse von China nach Europa führte direkt durch Georgien. Wir wollen wieder zu jenem blühenden Handelsplatz werden, den wir einst waren.

Das klingt nach politischem Programm. Zwei Jahre waren Sie selbst Agrarminister, sonst kennt man Sie aber vor allem als Unternehmer und CEO des grössten georgischen Mineralwasserunternehmens. Der unbedarfte ausländische Beobachter würde sagen: Unternehmertum und Regierungsverantwortung liegen in Georgien gefährlich nahe beieinander.

Ich weiss. Europäische Ohren sind sehr sensibel. Aber ich kann Sie beruhigen: Der Staat hat die Wirtschaft in die Privatheit entlassen, und die wirtschaftlichen Akteure wissen die neue Freiheit zu schätzen. Das neue Georgien ist ein extrem junges Land – es wurde nicht 1848 gegründet wie die Eidgenossenschaft, sondern 2004, nach der Rosenrevolution. Zuvor galt trotz frisch gewonnener Unabhängigkeit im Jahre 1991 in der Tat das pseudobiblische Motto: Die neue Situation ist bloss alter sowjetischer Wein in neuen postsowjetischen Schläuchen.

Ist das neue Georgien bloss die Idee einer politischen Elite? Oder findet es auch Rückhalt in der breiten Bevölkerung?

Fast alle georgischen Bürger stehen dahinter. Nach Jahren der Misswirtschaft wollen sie endlich die Chance nutzen, um ihr Leben in Georgien zu verbessern.

Wenn Sie unternehmerische Zwischenbilanz ziehen: Wo steht das Land heute, zehn Jahre nach dem Neubeginn?

Wir haben unsere Institutionen in Rekordzeit radikal reformiert, die Bürokratie ist minimal, der Staat selbst für mitteleuropäische Verhältnisse sehr transparent, die Eigentumsrechte wurden gestärkt. Aber all das reicht nicht. Wenn man uns in Europa und dem Rest der Welt kaum kennt, so ist dies unser Versäumnis. Wir sind erst daran zu lernen, unsere Errungenschaften auch überzeugend zu vermarkten. Aber ich denke, wir sind bereit, die Prüfungen zu bestehen, die westliche Kapitalgeber und Regierungen von uns verlangen.

Georgien als unternehmerischer Hub im Kaukasus?

Auch – aber nicht nur! Natürlich wollen wir die Verwaltungszen-tralen und Firmensitze internationaler Konzerne anziehen. Wir wollen aber auch neue Produktionsstätten ansiedeln. Es ist eine Herkulesaufgabe und braucht viel Zeit, neues Kapital aufzubauen. Unsere Leute sind gut qualifiziert, sie werden an Business Schools auf Managementaufgaben vorbereitet, die Anstrengungen im Bildungsbereich sind enorm. Georgien hat in den letzten Jahren viel in die Infrastruktur investiert, Strom, Wasser, Gas, Strassen. Dank dem Anschluss ans Schwarze Meer und guter Verkehrswege über Land können wir einerseits in die boomenden benachbarten Länder exportieren, aber auch darüber hinaus – in die ganze Welt.

Das klingt ambitioniert, aber Hand aufs Herz: Wie steht’s um die Korruption?

Seit zehn Jahren habe ich keinen einzigen Dollar verwenden müssen, um jemanden zu schmieren – weder einen Polizisten noch einen Finanzbeamten. Das war in den 1990er Jahren unter Shevardnadze noch ganz anders. «The Economist» hat recht, wenn die Zeitschrift von Luxus…

Korruption kriegt die Quittung

23 Hühner für ein Staatsbankett? In Georgien können die Bürger kritisch prüfen, was sich ihre Politiker genehmigen. Kein anderes Land hat im letzten Jahrzehnt effektiver gegen Korruption und Misswirtschaft gekämpft – mit politischem Willen, neuen Technologien und den richtigen Anreizen.

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