Genese einer Reizfigur

Der Bankier: Kaufmann, Beamter, Star, Konspirateur

Genese einer Reizfigur
Heinz Zimmermann, photographiert von Daniel Boschung.

Die Schwierigkeit zeigt sich bereits in der Wortwahl: Soll in den nachfolgenden Zeilen vom Banquier, Bankier, Banker oder Bänkler die Rede sein? Die Kultur einer Institution offenbart sich in der Bezeichnung ihrer Mitglieder, und die kulturellen Unterschiede begleiten die Evolution des Berufsbilds, das in den hier angestellten Überlegungen von der Renaissance bis heute nachgezeichnet wird.

Sprechen wir vom Banker. Dieser gehörte selten zu den gesellschaftlichen Sympathieträgern in der Wirtschaftsgeschichte. Die frühen Geldhändler, welche Währungen tauschten und Kredite gewährten, genossen nur unwesentlich grössere gesellschaftliche Anerkennung als die Vertreter der in der Neuzeit entstandenen Börsenspekulation (die erste «richtige» Börse im Sinne eines Börsengebäudes datiert auf 1531 in Antwerpen). Der wichtige Börsenhandel war für das Ansehen des «Berufsstandes» des Bankiers im allgemeinen wenig förderlich, weil er naturgemäss in regelmässigen Abständen mit Börsenkrisen einherging. Später hatten die Bankiers unter aufkommenden antisemitischen Ressentiments zu leiden, welche die Börsen als Orte jüdischen Kapitals geisselten – auch aus berufenem Munde. Von keinem Geringeren als dem deutschen Soziologen und Nationalökonomen Werner Sombart stammt die oft zitierte Aussage, dass «die moderne Börse Rothschildsch (also jüdisch)» sei.1

Der Privatbanquier

Dass Spekulation der Reputation nicht notwendigerweise abträglich ist, zeigt ein Szenenwechsel: Basel. Die Stadt hat sich seit dem 16. Jahrhundert als Zufluchtsort von Glaubensflüchtlingen aus Italien und Frankreich kontinuierlich als Fabrikations- und Handelszentrum, insbesondere als Zentrum der Seidenbandproduktion, entwickelt. Einige der damit zu Reichtum gelangten Grosskaufleute traten im 18. Jahrhundert vermehrt als Geldgeber auf, was den von ihnen geführten Firmen die Bezeichnung «Spekulationshandlung» eintrug, die jedoch – soweit die Quellen zeigen – keineswegs negativ oder unehrenhaft verstanden wurde. Dies mochte damit zusammenhängen, dass die Verbindung mit dem Handels- und Speditionsgeschäft in den meisten Fällen erhalten blieb: So fanden sich 1789 im Basler Firmenregister «Banquiers, Kommissions-, Speditions- und Spekulationshandlungen» in einer einzigen Rubrik, und auch fast ein Jahrhundert später fanden sich im Basler Ragionenbuch unter den zwanzig Bankfirmen nur neun reine Banken.2 Die grösste dieser «Handlungen» war die Frères Merian, die sowohl Bankgeschäfte betrieb als auch im überseeischen Grosshandel tätig war. Erst im 19. Jahrhundert wandelten sich viele dieser Firmen zu reinen Privatbanken, weil die Beschränkung auf dieses Geschäft weniger riskant erschien. Eine ähnliche Entwicklung fand in anderen Städten statt, beispielsweise in St. Gallen, wo Caspar Zyli seit 1741 eine Leinentuchhandels- und eine Speditionsfirma betrieb, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts Bankgeschäfte tätigte und sich in der zweiten Jahrhunderthälfte unter Emil Wegelin vollständig auf die Vermögensverwaltung konzentrierte. Der Eintritt von dessen Sohn erforderte aufgrund des neuen Obligationenrechts eine Umbenennung der Gesellschaft:3

«Die Aufgabe des alten Firmennamens, unter dem das Geschäft anderthalb Jahrhunderte bestanden hatte und zu Ansehen gekommen war, bereitete Emil Wegelin-Wild grossen Kummer, weshalb in seiner Familie der Jahreswechsel 1892/93 in recht gedrückter Stimmung gefeiert wurde. Die Erinnerung daran blieb bei seinen Angehörigen lange Jahre wach.»

Renommee und Firmenname waren aufs engste verknüpft. Es gelang den Privatbanken, obwohl mittlerweile vom Handelsstand losgelöst, durch eine Anpassung des Geschäftsmodells eine exzellente kaufmännische Reputation fern wilder Spekulation aufzubauen: Für den in der Vermögensverwaltung tätigen Privatbanquier hiess dies, nebst persönlicher Haftung auf eigene Börsengeschäfte zu verzichten und solche nur in Kommission für Kunden auszuführen. Die in der Plazierung von Anleihen und Kreditgewährung tätigen Privatbanken realisierten demgegenüber bald, dass der wachsende Kapitalbedarf der Industrie die Finanzierungskraft einzelner Institute überstieg: In Basel schloss sich 1854 eine Gruppe zu einem Syndikat zur Plazierung grösserer Anleihen zusammen und bezeichnete sich als «Bankverein». Die Gründung als Aktienbank erfolgte zwanzig Jahre später. Eine zweite Gruppe von Privatbanken schloss sich 1863 mit wichtigen Indus­triellen zur Basler Handelsbank zusammen. Ebenso kam es am Rheinknie 1912 zur Gründung der «Vereinigung von Vertretern des schweizerischen Bankgewerbes», wobei fraglich ist, ob es sich dabei um eine…

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(c) Fotolia.
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