Gemeinwohl im Kapitalismus

Das Verhältnis von Wirtschaft und Staat neu denken und ordnen

Ist gegenwärtig von «Kapitalismus» die Rede, folgen mit hoher Wahrscheinlichkeit im gleichen Zuge Schilderungen von Exzess, Krise, Ausbeutung, der Kluft zwischen Arm und Reich. Ist aber von «Gemeinwohl» die Rede, folgen Assoziationen mit Mass, Vergemeinschaftung, Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich. Die beiden Worte, so scheint es, widersprechen sich. Wenn sie in einem Atemzug genannt werden, dann nur, um sie gegeneinander auszuspielen.

In der Politik wird dieser Zustand nach einfachen Mustern weiter befeuert. Während die SP die «Überwindung des Kapitalismus» in ihr Programm aufnimmt und damit alle gesellschaftlichen Missstände aufs Mal «abschaffen» will, setzt sich die vermeintlich kapitalistische FDP «Für Geldspiele im Dienste des Gemeinwohls!» ein. Beide Seiten bedienen sich der erwähnten Begriffe, beide, so darf man annehmen, meinen damit etwas völlig anderes. Nicht anders in der Wissenschaft: «Kapitalismus» und «Gemeinwohl» sind in ihren jeweiligen Disziplinen, Ökonomie und Soziologie, sogenannte Hochwertbegriffe. Begriffe also, mit denen Vertreter beider Disziplinen eine Art Ideal beschreiben. Jenseits der Grenzen dieser Wissenschaften wandeln sie ihre Bedeutung aber nicht selten in widerstreitende Gottheiten.

Dieses Dossier nimmt diese Gräben zur Kenntnis, versucht gleichzeitig darüber hinauszugehen: Kapitalismus und Gemeinwohl, das muss kein Widerspruch sein. Sicher umreisst man damit aber ein Spannungsfeld, auf dem verschiedene Akteure lobbyieren und debattieren, sich das Terrain streitig machen. Konkret sind das in diesem, unserem Fall ein Ethiker, ein politischer Philosoph, ein Ökonom und ein Staatsrechtler. Allen vier Autoren stellten wir die gleiche Frage:

Welche Regeln und Anreize sollen Staat und Gesellschaft konkret setzen, damit das Streben der Menschen nach Freiheit und Wohlstand nicht wenigen, sondern möglichst allen zugute kommt, damit es die moralischen Grundlagen von Wirtschaft und Gesellschaft nicht unterminiert, sondern stärkt und damit es die Stabilität der ganzen Gesellschaft nicht aufs Spiel setzt, sondern Gemeinwohl sichert?

Sich ganz bewusst widersprechende – aber auch einander ergänzende – Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten. Wir wünschen erhellende Lektüre.

Die Redaktion

Prinzip Haftung

Es ist nicht der Markt, der die grosse Krise verursacht hat. Wir leben auch nicht wirklich in einer Markt-wirtschaft. Schön wärʼs! Die modische Kapitalismuskritik zielt am eigentlichen Problem vorbei. Es ist gerade umgekehrt: Wem am Gemeinwohl gelegen ist, braucht die offene Gesellschaft. Eine Richtigstellung.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»