Gemeinsam baden in Nettigkeiten

Ungläubige betrachten die Religionen und deren esoterische Bewüchse und Mutationen als ein wimmelndes Nach- und Nebeneinander. Gläubigen aber ist diese zoologische Vorstellung ein Horror; denn sie können nicht wahrhaft das Wahre glauben, solange die Falschgläubigen nebenan wahrhaft das Falsche glauben.

Christoph Gellner, theologischer Lehrbeauftragter an der Universität Luzern, versucht in seinem Buch «Der Glaube der Anderen» zu zeigen, wie zwischen dem Christentum und den anderen grossen Religionen ein nicht diskriminierendes Verständnis möglich sein soll. Im Untertitel «Christsein inmitten der Weltreligionen» klingt die Vorstellung an, umzingelt zu sein. Gellner lehnt ein «Nebeneinander gleich gültiger Standpunkte» ab, es geht ihm um die Vermeidung von Vermengung, um das Festhalten am eigensten Glauben und gleichzeitig darum, dass eine gedankenlose Toleranz des Anderen als Wurschtigkeit ebenso beleidigend erscheinen muss wie der christliche Primatsanspruch. Einfluss ja, Aufweichung nein. Gellner erklärt das Eigentliche der Konkurrenz zu einem Stimulans oder Exerzitium.

Das Buch ist freundlich christozentrisch. Denn das unauflösbare Dilemma bleibt: Gellner behauptet, der Herr habe seine Herrlichkeit sowohl im Judentum als auch im Islam versteckt, sogar im Hinduismus, und er deutet an, der Buddhismus sei eine Art Ostereier-Suchwiese für Christen, um doch überall Jesus zu entdecken. Mit dieser Allschöpfungsdarstellung beleidigt er jeden wahrhaft Falschgläubigen. Christen müssten sich dementsprechend anhören, Allah habe Jesus erfunden, um den tiefen Glauben der Muslime zu erproben.

Verträgt sich die Meinung, die leidige Konkurrenz sei eine Prüfung der Christen durch den Christengott, mit der von Gellner gefeierten «kopernikanischen Wende» gegenüber fremden Religionen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Anzudeuten, Gott habe die anderen Religionen als Testgelände mitgeschaffen, bedeutet wieder Primatsanspruch. Gellner seufzt: «Letztlich bleibt keine andere Möglichkeit, als Andere vom Standpunkt der eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu betrachten.»

Kann dieses Buch mehr sein als ein Aufruf, ein geschicktes Arrangement zu finden? Gellner meidet zwar glücklicherweise die Bezeichnung «ganzheitlich», aber das Modewort «Verortung» fällt auch hier, und er muss zu vielen nichtssagenden Formulierungen greifen («tiefe Spiritualität und eindrucksvolle Weisheit»), um allein das Gemeinsame der ohnehin verwandten prophetischen Religionen herauszustellen, er nennt es «abrahamische Spiritualität». In den Passagen über die nichtprophetischen Religionen des fernen Ostens wird endgültig alles zugunsten des Wortes «Spiritualität» geopfert. Gellners Vergleiche zwischen Jesus und Gautama enden in Allgemeinheiten, die niemanden verletzen, aber auch der Katalogesoterik in nichts nachstehen.

Sein Wort von der «Lerngemeinschaft» deutet ein mönchisches Ideal an, einen interreligiösen Riesengesprächskreis wie eine Art UN-Sicherheitsrat. Leider warnt er viel zu pauschal vor «Tendenzen zur laizistisch weichgespülten Privatisierung und gesellschaftlichen Neutralisierung des Religiösen» und verrät dabei nicht, wie seine geforderte Annäherung ohne einen neutralen Boden überhaupt erfolgen soll. Er ist wie jeder gutmeinende Gläubige gezwungen, eine ungläubige, weltliche Basis stillschweigend anzuerkennen. Kein friedliches Zusammenleben entsteht mehr ohne aufklärerisches Vokabular und Verlust in glaubensfremder Abstraktion. Die eigentliche «kopernikanische Wende», das Christentum aus dem Zentrum des abendländischen Weltbildes zu nehmen und durch die abstrakte Sonne «Spiritualität» zu ersetzen, vollzieht längst die Esoterik. Eine Konsequenz ist das zoologische Nebeneinander. «Warum es aber diese Vielzahl sich widersprechender religiöser Wege gibt, darauf wird nur Gott selbst eine Antwort geben können.» Seid nett zueinander, mehr ist nicht drin.

vorgestellt von Marcus Jensen, Berlin

Christoph Gellner: «Der Glaube der Anderen. Christsein inmitten der Weltreligionen». Düsseldorf: Patmos, 2008