Geisterjäger

Letzthin sah ich die «Gespenster» des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Das Theaterstück hält – verkleidet im Schafspelz eines Familiendramas – einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich in trägem Konservatismus und in sozialen Zwängen eingerichtet hat. Worum geht’s? Mutter Helene schickte ihren Sohn Osvald mit sieben Jahren aus dem heimatlichen Norwegen nach Paris, um ihn […]

Letzthin sah ich die «Gespenster» des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. Das Theaterstück hält – verkleidet im Schafspelz eines Familiendramas – einer Gesellschaft den Spiegel vor, die sich in trägem Konservatismus und in sozialen Zwängen eingerichtet hat. Worum geht’s? Mutter Helene schickte ihren Sohn Osvald mit sieben Jahren aus dem heimatlichen Norwegen nach Paris, um ihn vor einer drohenden familiären Katastrophe – Untreue des Vaters, Lügen, moralische Verlotterung – zu bewahren. Inzwischen verwitwet, plagen Helene Gewissensbisse, insbesondere weil sie ihrem Sohn genau jene Lebensfreude lehren wollte, die sie an ihrem Mann so sehr vermisste. Als Osvald zurückkehrt und der Mutter von seiner diagnostizierten Geisteskrankheit erzählt, als deren Ursache der Arzt Sünden des Vaters vermutet, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Das grossartige Stück liess mich aufschrecken. Ich fragte mich: Wes Geistes Kind bin ich? Und kann ein Mensch seiner – ihm von seinen Eltern und seinem Umfeld eingeimpften – kulturellen Identität überhaupt entkommen, wenn er es wollte? So viel vorweg: einfach ist es nicht. Erstens braucht es das individuelle Eingeständnis, dass unsere Ideen, Werte und Überzeugungen nicht unbedingt von uns selbst kommen müssen. Akzeptieren wir das, so können wir uns, zweitens, selbst nach den Gründen unserer Ansichten befragen. Machen Sie den Test: Sind Hochzeit und lebenslange Monogamie für Sie selbstverständlich? Was hat es auf sich mit Ihrer religiösen Zugehörigkeit? Haben Sie je davon geträumt, ein ganz anderes Leben zu leben? Wieso tun Sie’s nicht? Haben Sie sich womöglich mit Ihrer Weltsicht unhinterfragt abgefunden?

Selbstbeobachtung und ein fundiertes Wissen darüber, woher wir kommen, geben uns nicht nur die Kraft zu entscheiden, ob wir eine Weltsicht beibehalten wollen oder nicht. Sie geben uns auch die Möglichkeit, mit anderer Leute Lebensentwürfen entspannter umzugehen. Wer über beide ohne Denkverbote nachdenkt, schafft sich selbst dadurch vor allem eins: persönliche Freiheit.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»