Geist ist geil

2 Fragen an Haralampi G. Oroschakoff.

Welches Kulturerlebnis hat Sie zuletzt begeistert und warum?

Ich hatte einen Gesprächstermin im Musée Picasso in Vallauris. Es war ein verregneter Tag. Auf dem Platz dem Schloss gegenüber steht Picassos «Mann mit Schaf» (1943). Ich war länger nicht da gewesen, machte kehrt und ging hinüber. Der Mann stand breitbeinig und ruhig auf seinem Sockel, sanft schimmernd im verwässerten Grau. Er hielt das Schaf geradezu fürsorglich in den ­Armen und sein Blick ruhte geradewegs auf mir. Ich betrachtete ihn und dachte, eine derartige Ausgewogenheit der Materie liesse mich das Vertrauen Picassos in den Menschen spüren. Sein Vertrauen in das Leben gegen die Zerstörung. In dieser Leichtigkeit, mit dieser Kühnheit, liegt das Gleichgewicht der Dinge. «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.» Das hatte der verfemte Staatsrechtler Carl Schmitt festgestellt. Von der Kontaktsperre bis zur Abschottung ganzer Bevölkerungsgruppen, so notwendig sie auch sein mögen, erscheint mir der Rückzug in das heimelig Private zunehmend ­seltsam. Die Sphäre ausserhalb des Eigenen verschwimmt zusehends und darin löst sich der öffentliche Raum auf. Was zeichnet ihn aus? In der ruhigen Kraft des «Manns mit Schaf» liegt eine mögliche Antwort.

Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachtkästchen?

Jean-Luc Nancy: Gott, Gerechtigkeit, Liebe, Schönheit. Berlin: WDPRESS, 2020.

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