Gefangen von der Stadt

Kein Stau an der Limmat! Wenn Teju Cole durch Städte streift, sucht er spazierend nach ihren Wesen und Wunden, verheddert sich in ihren Widersprüchen und schärft aus der Distanz den Blick für seine eigenen Heimstädte. Der weltläufige Autor über Irrwege zwischen Zürich, Lagos und New York.

Gefangen von der Stadt
© Teju Cole

Teju Cole gehört zu denjenigen Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringt. Sein angenehmes Nachdenken im Formulieren, sein Denken über Umwege, seine ungezwungene Offenheit und sein schalkhaftes Lachen machen das Zusammensein mit ihm zum Ereignis: So war es auch während unseres Gesprächs, das wir am Kunsthistorischen Seminar der Universität Zürich geführt haben. Doch auch wer ihn nur in seinen Büchern trifft, lernt einen Menschen mit vielen Interessen und beweglichem Geist kennen. Grosse Themen wie die Rassendiskriminierung verbindet er in seinen Romanen «Open City» (2011, dt. 2012) und «Every Day Is for the Thief» (engl. 2007/2014) mit seinen Leidenschaften für Musik, Literatur, Kunst, Photographie und Architektur. Beide Bücher entwickeln dabei eine je eigene Sicht auf Städte – New York und Lagos –, die von den Protagonisten in zufälligen Streifzügen erschlossen werden. Teju Cole folgt ihnen nach – auf Einladung des Literaturhauses Zürich und der Stiftung PWG lebt er während eines halben Jahres als Writer in Residence in der Limmatstadt  und erkundet sie mit wachem Geist, hellem Blick und Kamera. 

 

Teju, Städte verändern sich unter dem Auge des Betrachters: Für einen Fremden können sie ganz anders aussehen als für einen Einwohner, der die Stadt wiederum anders wahrnimmt als ein Rückkehrer oder ein Photograph. Seit Juni bist du in Zürich. In welcher Rolle bist du hier unterwegs, mit welchem Blick siehst du diese Stadt?

In Zürich bin ich nicht nur als Reisender unterwegs, sondern als Gast und Einwohner. Ich lebe ein paar Monate hier, bin ein Stadtmensch, hier fast schon bekannt als der Stadtmensch.

Was bedeutet das, ein «Stadtmensch»?

Dass ich Städte genauer anschaue als viele Touristen, sie beobachte und hinterfrage – und mich darin bewege, um all das dann literarisch zu verarbeiten. Meine Bücher, die sich auch mit Städten beschäftigen, haben mich hier offenbar dafür bekannt gemacht. Ich frage mich beispielsweise: «Warum haben die Gebäude hier keine Wasserreservoirs auf dem Dach wie in New York?», «Wie schaut es mit dem Bevölkerungswachstum aus?», «Welche Infrastrukturen werden im Moment aufgebaut oder verbessert?» – Beeindruckt hat mich hier in Zürich etwa die Gegend rund um die Hardbrücke. Da wird ja viel gebaut und verändert, ein aktiver Prozess des Urbanisierens. Was passiert da? Weswegen zieht mich dieser Stadtteil besonders an – nebst der Tatsache, dass mich jener Teil der Stadt ein ganz kleines bisschen an Lagos erinnert? Die Antwort: Wenn du dich hier umschaust (er schaut aus dem Fenster des Kunsthistorischen Seminars der Universität Zürich auf die Rämistrasse und ins Grüne), hat Zürich irgendwie etwas Fertiges, scheint aufgeräumt, eta-bliert. Wenn du dich aber in Zürich West umschaust, siehst du im Entstehen begriffene Bauten, neue Strassen, offene Plätze… alles ist in Bewegung.

Julius, der Protagonist deines ersten Romans «Open City», erschliesst sich seine Stadt – New York – durchs Flanieren. Wie gehst du vor, wenn du einen neuen Ort – Zürich – erkundest?

Ganz ähnlich: ich flaniere, manchmal ohne direktes Ziel. Auf dem Weg zu unserem Treffen bin ich in einen kleinen Stau geraten. Das war neu! Schon zu Beginn meines Aufenthalts hier stellte ich fest: Es gibt fast nie Stau in der Stadt Zürich. Und ich frage mich: Weswegen ist das so? Weil Zürich keine Metropole ist und die Einwohnerzahl nicht so hoch? Oder liegt es daran, dass man von vornherein eine angemessene Infrastruktur errichtet hat? Oder waren es die brillanten Köpfe der ETH, die ein System entwickelt haben, den Verkehr bestmöglich durch die Stadt zu lenken? Geht man diesen Fragen nach, tauchen immer wieder neue auf, du verstrickst dich quasi in einem Geflecht aus Fragen und Antworten.

In «Every Day Is for the Thief» denkt der Protagonist – ein junger Nigerianer, der in NY lebt und nach Lagos zurückkehrt – über die Stadt Lagos nach. Er empfindet sie als Labyrinth bzw. Irrgarten. Sind dies städtische Strukturen, in denen auch du dich verhedderst?

Ja, aber nicht hier: Zürich ist weder Labyrinth noch Irrgarten. Zürich ist eigentlich von überall her vollständig einsehbar. (lacht) Die Unterscheidung, die ich zwischen der Stadt als Labyrinth und der Stadt als Irrgarten gemacht habe, ist folgende: Es gibt eine kongeniale, durchdachte Logik in einem Labyrinth, die dich schlussendlich zu einem sinnvollen Zentrum führt. Du gehst – wenn auch ziellos – und findest deinen Weg. Anders schaut es bei einer Stadt als Irrgarten aus: Sie führt – absichtlich – in die Irre und verführt zu Umwegen.

«Umwege erhöhen die Ortskenntnis», hat Heimito von Doderer gesagt. Wie verhält es sich diesbezüglich mit New York: Durchdachtes Labyrinth oder verführender Irrgarten?

Über die Denkfiguren Labyrinth und Irrgarten habe ich in bezug auf New York noch nicht nachgedacht. Die stereotype Vorstellung ist ja die, dass New York ein Gitter ist: Die Strassen sind horizontal und vertikal angeordnet. Alles ist ganz klar. In «Open City» erscheint New York aber zumindest als seelischer Irrgarten. «Open City» ist die Geschichte eines Mannes, der, anders als der Titel suggeriert, nicht flüchten kann, für den es keinen Ausweg aus der Ordnung und der Trauer gibt. Der Irrgarten ist also, wenn man so will, die Trauer in seinem eigenen Leben und die Trauer dieser verwundeten Stadt.

Die Stadt New York ist ständig in Bewegung. Deine Bücher haben ebenfalls ihre eigene Bewegung, kreieren beim Lesen einen eigenen Rhythmus, eine Art sich verästelnde Langsamkeit – im besten Sinn. Der Rhythmus von Lagos wird in «Every Day Is for the Thief» mit einem Bild beschrieben: als Stadt der Scheherazaden.

Scheherazaden – viele, viele verschiedene Geschichten… Es ist ein Teil der afrikanischen Kultur, von diesen Geschichten zu leben, Geschichten, die die Menschen von sich erzählen, erfundene Geschichten, Gerüchte. So wird die Stadt zu einem sehr anstrengenden Ort. Ein aktuelles Beispiel: Gäbe es eine Epidemie wie Ebola in der Schweiz, ich bin mir sicher, dass die Menschen pragmatisch reagieren würden. Sicherlich gäbe es auch Ängste und Unsicherheiten. Aber die Leute würden organisiert damit umgehen – auf eine wissenschaftlich direkte Art und Weise. Es gibt in Nigeria durchaus auch eine anständige medizinische Versorgung, und die Leute wissen im Grunde genommen, dass es eines direkten Kontakts bedarf, um angesteckt zu werden. Nur gibt es da auch diese vielen Gerüchte und Geschichten, die die Runde machen, was man vermeiden müsse oder was man zwecks Nichtansteckung zu tun habe. So heisst es zum Beispiel, dass man viel Salzwasser trinken sollte, um eine Ansteckung zu vermeiden. Als Folge davon starben viele Leute mit hohem Blutdruck! Die Gesellschaft in Nigeria ist eine Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne. Es gibt noch immer diesen alten, weitverbreiteten Aberglauben. Viele Leute sind neu in Lagos, Welten prallen auf-einander und die Toleranz einer Stadt wird auf den Prüfstand gestellt. Aber wie soll das alles gehen, wenn es in Nigeria weiterhin eine riesige Menge von Menschen gibt, die beispielsweise an Kobolde glaubt? Diese Spannung macht es natürlich auch interessant: So entstehen täglich neue Geschichten, die sich in komplizierter Weise untereinander vermischen.

Eine Stadt hat nicht nur ihre eigenen Geschichten. Durch eine Stadt zu gehen, enthüllt auch die eigenen Erinnerungen, die eigene Vergangenheit. Der junge Nigerianer in «Every Day Is for the Thief» macht ja genau diese Erfahrung. Hätte er sich an einem anderen Ort – durch ein Bergdorf flanierend etwa – auf die gleiche Weise mit sich auseinandersetzen können?

Schwerlich. Denn das Besondere an der Stadt ist, dass du deine eigene Geschichte darin nicht hinter dir lassen kannst. Wenn du an einem kleinen Ort aufwächst, dann brauchst du nicht über deine Vergangenheit nachzudenken, denn sie ist gegenwärtig: da ist das Haus, in dem du geboren wurdest, und dies sind schon immer deine Nachbarn. Da ist der Friedhof, auf dem dein Grossvater begraben liegt. Da ist die Kirche, in der deine Mutter getauft wurde, dieselbe Kirche, in der du getauft wurdest. Kurz: deine Geschichte ist präsent. Wenn du dann aber in eine Stadt ziehst, ist deine Geschichte nicht anwesend, und du musst dich auf einmal damit auseinandersetzen, da plötzlich alles auf der Wahrnehmung von Differenzen beruht. Man fragt nicht nur den anderen: «Wer bist du?», sondern befragt sich gleichzeitig selbst: «Wer bin ich?»

Wird also Identität durch die Wahrnehmung von Differenzen geformt? Oder nicht doch auch durch entdeckte Ähnlichkeiten?

Beides. Wenn du hier bist und jemanden Schweizerdeutsch sprechen hörst, erkennst du ihn sofort an seinem Dialekt – der eine spricht Zürideutsch, der andere hat einen Basler Dialekt. Du hörst das und es gibt diese Differenz, und beide werden sich ihrer Identität – oder einer Form derselben – bewusst. Das funktioniert auch umgekehrt: Wenn du an deinem Arbeitsplatz auf jemanden stösst, der in derselben Gegend aufgewachsen ist, ist das so etwas wie eine Prädisposition durch Ähnlichkeit – oder doch mindestens etwas Verbindendes. Identitätsstiftung geschieht also durch Unterschiede, aber auch durch entdeckte Ähnlichkeiten. Beides nimmst du aber viel häufiger in der Stadt wahr, da du dich hier unweigerlich mit anderen Menschen auseinandersetzen musst.

Du hast aber auch geschrieben, dass tiefe Reflexion über eine Stadt erst dann möglich wird, wenn man wieder zuhause ist – aus der Distanz. Ist das vergleichbar mit einer Photographie, die eine Situation klarer zeigt, als sie während des Erlebens war?

Das ist eine treffende Analogie. In beiden Fällen tut sich eine Art Lücke auf. Eine Lücke, wenn du zuerst auf etwas schaust und es dann ein zweites Mal siehst, dann, wenn du wörtlich «zurückschaust». Wenn man immer am selben Ort bleibt, ist es schwierig, gewisse Dinge zu sehen. Aber wenn du irgendwo warst und zurückkehrst, beginnst du darüber nachzudenken, siehst klarer, erkennst aus der Distanz. Ich habe zum Beispiel lange geglaubt, Lagos verstanden und erschlossen zu haben, als ich dort war. Aber von New York aus sehe ich, dass ich mich getäuscht hatte: ich weiss von hier aus, im Vergleich und in der Rückschau, viel mehr über Lagos als damals. Ich glaube, ich weiss sogar mehr darüber als die Leute, die dort wohnen. Weil ich hier einen Vergleich, eine Art Gegengewicht habe. Das Gegenteil passiert, wenn ich in New York bin: Ich bin nicht in New York aufgewachsen, wohne aber schon lange dort, ich kam als Besucher und musste zuerst vieles verstehen, das neu vor meinen Augen lag. Weil ich Autor und Photograph bin und genaues Hinschauen meine Aufgabe ist. Aber auch, weil ich ein Outsider bin.

Auf welche Weise fühlst du dich als Outsider?

In New York ist eigentlich fast jede und jeder ein Outsider. Und das gibt der Stadt diese Energie und Offenheit. Das Gefühl, das viele New Yorker kennen: dass ich hierhin gehöre und nicht vertrieben werden kann, weil alle anders sind. Der wahre Schlüssel, einen Ort zu verstehen und darüber zu schreiben, ist, nicht nur ein Outsider zu sein. Aber auch nicht nur ein Insider, denn dann siehst du nichts, du bist alles «gewohnt», die Dinge sind zu nahe und vertraut. Es geht darum, ein Insider-Outsider zu sein. (lacht) Klingt eigenartig, aber das gibt dir Freiheit und Beweglichkeit.

Kannst du die Insider-Outsider-Position näher beschreiben?

Das ist nicht immer eine angenehme Position. Vielleicht hilft ein Beispiel: Manchmal schreibe ich über Nigeria und die Nigerianer sagen: «Du kannst doch gar nicht über diesen Ort schreiben, du wohnst ja nicht mal hier!» Oder anders: «Du schreibst nur dar-über, weil du Nigerianer bist.» Egal welche Position du einnimmst – du bist immer gleichzeitig «drin» und «draussen», die Leute fordern dich heraus.

Aus deiner Insider-Outsider-Position: Was wünschst du dir für Zürich?

Zürich ist ein inspirierender Ort und ich bin froh, ein paar Monate lang die Stadt zu erkunden, und geniesse das. Zürich ist auch so ein Gegengewicht: Lagos, die am schlechtesten organisierte Stadt der Welt, über die ich schreibe, während ich hier in einer der vermutlich am besten organisierten Städte der Welt weile, könnte viele Dinge von Zürich lernen: straffere Organisation, bessere In-frastruktur, bessere Bedingungen für die vielen Einwohner, mehr Stille und Frieden. Ja, doch, ich wünschte, Lagos wäre Zürich ein bisschen ähnlicher. Aber: ich wünschte auch, Zürich wäre ein bisschen mehr wie Lagos. Ganz ehrlich: ein paar rauhere, nicht durchstrukturierte Orte, offene Enden, Vielfältigkeit… das täte dieser Stadt wohl auch ganz gut.

F. Scott Fitzgerald behauptete: «Switzerland is a country where very few things begin, but many things end.»

Ein guter Platz zum Sterben, meinst du? (lacht) Manchmal frage ich mich tatsächlich: «Wo möchte ich begraben werden?» Und ich weiss die Antwort nicht. USA? Nigeria? Oder wird meine Asche in die Limmat gestreut werden? (lacht breit und lange) Die schönste Vorstellung wäre es, wenn jemand ein Buch für mich machen würde, das innen ausgehöhlt ist. Darin würde dann meine Asche versteckt werden, und das Buch könnte man in New York in eine Buchhandlung stellen – in die Lyrikabteilung. Oder auf Reisen schicken. Denn ich fühle mich nicht wirklich an irgendeinem Ort verwurzelt. Meine Verbundenheit oder mein Gefühl des Verwurzeltseins hat viel mehr mit der Verbundenheit zu anderen Autoren, anderen Photographen, Künstlern zu tun. Sie geben mir ein Gefühl von intellektuellem Trost – völlig egal, in welcher Stadt oder in welchem Land ich mich aufhalte, sie sind immer dabei.

Städte sind lärmige Orte. In deinen beiden Büchern ist die Sehnsucht nach der Stille ein grosses Thema, ebenso wie die Musik: In Musikgeschäften, sagt der Protagonist von «Open City», sollte es doch eigentlich völlig still sein. Wo findest du Ruhe?

Das ist tatsächlich eine grosse Frage – die Stille, die Langsamkeit, die Musik sind mir ein grosser Trost. Es macht Freude, über Musik zu schreiben, gerade weil es unmöglich ist, über Musik zu schreiben. (Stille) Im Moment höre ich viel Brahms. Ich habe in letzter Zeit oft die dritte Sinfonie gehört und habe etwas realisiert, das mir vorher absolut nicht bewusst war: Ich hörte nicht nur die Magie der Musik, sondern auch die Magie der Komposition als Technik und Handwerk. Als Innovation. Was du beim Komponieren niederschreibst, das sind nicht nur die Noten, sondern auch das Timing. Wie lange soll dieser Ton gehalten werden, wie lange geht diese Pause. Die Länge einer Pause! Ich hörte diese Brahms-Sinfonie und dachte: Hier bin ich also, mehr als hundert Jahre später und in meinen Ohren ist SEIN Gefühl für Zeit! Das machte ihn so gegenwärtig, das schafft doch kein Autor!

Jetzt kokettierst du! Deine Texte haben sehr wohl auch einen speziellen Rhythmus, einen eigenen Takt.

Sicher, ich habe aber keine Kontrolle darüber, ob jemand meine Bücher schnell oder langsam liest. Ich habe auch keine Angaben: «stürmisch», «mit grösster Vehemenz», «nicht eilend», «schwer». Das kann nur die musikalische Komposition. Vielleicht solltheftie ich anfangen, über jedem Kapitel solche Angaben auch in meinen Büchern zu notieren. So dass der Leser eine Anleitung hat, die Ahnung des Autors spürt, mitatmet. (überlegt lange, schaut dann plötzlich auf) Siehst du!

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»