Wir brauchen Ihre Unterstützung — Jetzt Mitglied werden! Weitere Infos
Fabian Gull, fotografiert von Selina Seiler.

Gefangen im Minus

Über Geld spricht man in der Schweiz nicht. Und über Schulden erst recht nicht. Die Folgen können gravierend sein.

«Mit einem Leasingvertrag von Cembra Money Bank fahren Sie Ihr Wunschauto und sparen dabei den hohen Anschaffungspreis», lese ich auf der Webseite. Geld sparen beim Geldausgeben? Ich sehe den 5er BMW Touring – schneeweiss und in der Sonne glänzend – schon vor meinem geistigen Auge. Kostet 80 000 Franken, leicht über meinem Budget. Aber wer will schon klein denken? Ein paar Klicks später erhalte ich das Preisschild meiner automobilen Träume: 2000 Franken jeden Monat, 48 Monate lang, bei einer Anzahlung von 5000 Franken. Das entspricht einem effektiven Zinssatz von knapp 10 Prozent. In Zeiten von Niedrigzinsen ist das eine ganze Menge.

Netterweise wird mir noch eine Ratenversicherung angeboten, für den Fall, dass ich die Kreditraten nicht mehr bedienen kann. Weitere 160 Franken pro Monat sollen mich also vor dem Absturz in die Schuldenfalle bewahren. Ich klicke mich weiter durch die Formulare. Bald darauf die Frage: Auf welches Konto dürfen wir Ihnen den Kreditbetrag überweisen? An dieser Stelle verlässt mich der Mut, und ich breche ab. Was bleibt, ist ein Moment der Erleichterung – und die Erkenntnis, wie leicht der Weg in die Schuldenfalle sein kann.

Crowdlending als Alternative

Für viele ist das Minus auf dem Konto kein kurzfristiges Ärgernis mehr, sondern ein Dauerzustand. Denn reicht der Lohn nicht bis Ende Monat, ist der Weg zu Schulden nicht mehr weit. Die Ursachen sind vielfältig – und nur selten ist es der leichtsinnige Konsum, der Menschen in die Schulden treibt. Das mag angesichts der vielen teuren Autos in Städten wie Zürich mit meist jungen Männern am Steuer überraschen. Die viel häufigeren Ursachen von Verschuldung sind jedoch Lebenskrisen, verursacht durch Trennung, Unfall, Arbeitslosigkeit oder Krankheit.

«Nur selten ist es der leichtsinnige Konsum, der Menschen in die Schulden treibt.»

Die Schuldenberatung Schweiz berät jährlich über 6200 Personen in allen Landesteilen. Die betroffenen Haushalte stehen im Schnitt mit rund 60 000 Franken in der Kreide. Säumige Zahler scheinen ein sicheres Gespür dafür zu haben, wo es unmittelbar weh tut – zum Beispiel, wenn der Strom abgestellt wird. Offene Zahlungen gegenüber dem Staat werden hingegen zunächst einmal aufgeschoben.

Konsumkredite sind in der Schweiz gesetzlich geregelt. Konsumenten sollen so vor Wucherzinsen geschützt werden. Kreditverträge, die den maximal zulässigen Zins von 11 Prozent bei Konsumkrediten (oder 13 Prozent beim Überziehen von Kreditkarten) überschreiten, sind nichtig. Der Schuldner muss in diesen Fällen nur die Kreditsumme zurückzahlen. Das Geschäft ist für Banken und Kleinkreditgeber dennoch lukrativ. Die Zinssätze hängen von der Bonität, Laufzeit und Kredithöhe ab.

Als Alternative zum herkömmlichen Geldverleih ist Crowdlending beliebt geworden – also die Vergabe und Finanzierung von Krediten über das Internet. Auf Crowdlending-Plattformen wie lend.ch werden Kreditnehmer direkt mit Anlegern zusammengebracht. Die Bank wird ausgeschaltet, wodurch Kreditnehmer tiefere Zinsen und Anleger eine bessere Rendite erhalten.

Tabuthema Schulden

Über Geld spricht man in der Schweiz nicht. Und über Schulden erst recht nicht. Mit Folgen, denn Überschuldung heisst: weniger Chancen auf dem Wohnungsmarkt, Probleme bei der Jobsuche, gesundheitliche Belastungen, familiäre Konflikte. Auch der Staat zahlt doppelt drauf – durch tiefere Einnahmen und höhere Sozialkosten.

In der Schweiz sind 2024 rund 3,3 Millionen Betreibungen verzeichnet worden – so viele wie noch nie. Die Zahlungsbefehle nahmen landesweit um 8,5 Prozent zu. Diesen Trend bestätigt Jan Blöchliger, Vorsteher des Betreibungs- und Konkursamts im Kanton Basel-Stadt mit seinen rund 210 000 Einwohnern. 67 000 Betreibungen und 25 000 Verlustscheine hat sein Amt 2024 ausgestellt – Tendenz auch hier steigend. Blöchliger spricht von einem «Massengeschäft». Seit etwa drei Jahren beobachtet er einen starken Anstieg der Betreibungen. «Heute sind wir fast wieder auf einem so hohen Stand wie vor der Pandemie», sagt er.

Kommt es im weiteren Verlauf der Betreibung zu einer Pfändung von Schuldnern, ist das für die Betroffenen eine Extremsituation. Gefühlt geht es für die säumigen Zahler um alles – ihr Lebensentwurf steht zur Disposition und kann vom Amt auf Jahre hinweg, teils sogar lebenslänglich, festgelegt werden.

Böchliger selbst ist nicht besonders nahe an der Front, wie er sagt – seine Mitarbeiter vom Pfändungsdienst hingegen schon. Immer häufiger kommt es im direkten Kontakt mit Schuldnern zu offenen Anfeindungen oder Drohungen gegenüber Beamten, wenn sich die Wut entlädt. «Unser Personal ist geübt im Umgang mit Einzelschicksalen und kann gut zuhören. Oft machen wir auch eine halbe Schuldenberatung», sagt Blöchliger. Die Zuwanderung macht sich ebenfalls bemerkbar. Immer mehr von Blöchligers Kunden sprechen keine Amtssprache, was zunehmend «herausfordernd» sei.

Rechtsstaat statt Baseballschläger

Viele Überschuldete sind in der Sozialhilfe, leben also bereits am Existenzminimum. Eine Schuldensanierung ist hier nur in seltenen Fällen möglich. Die Zeiten, in denen Pfändungsbeamte sich in Wohnungen umschauten, Fernseher und Möbel abtransportierten, um diese nachher zu verkaufen, sind vorbei. Der Aufwand ist zu gross, der Ertrag zu klein. Stattdessen wird heute der Lohn gepfändet.

Häufig müssen sich die Beamten den Vorwurf anhören, sie seien als Geldeintreiber der Gläubiger parteiisch. «Wir sind nicht Partei, sondern eine Art Mittelsmann», entgegnet Blöchlinger. «Ob eine Forderung zu Recht besteht, entscheiden die Gerichte, nicht wir. Ist jedoch eine Forderung rechtens, hat das Betreibungsamt diese zu vollstrecken. In diesem Fall sind wir auf der Seite der Gläubiger.» Das Zusammenleben in einem Rechtsstaat sei darauf ausgelegt, dass Verträge eingehalten werden. Die Alternative seien Geldeintreiber mit Baseballschlägern, wie man sie aus Filmen kenne. Das könne in niemandes Interesse sein.

«Die Zeiten, in denen Pfändungsbeamte sich in Wohnungen umschauten, Fernseher und Möbel abtransportierten, um diese nachher zu verkaufen, sind vorbei. Der Aufwand ist zu gross, der Ertrag zu klein.»

Gibt es ein Entkommen aus der Schuldenfalle? Zentral sind die Erstellung eines Budgets und die Prüfung von Unterstützungsmöglichkeiten (zum Beispiel Prämienverbilligungen) . Vor allem aber können zwei Tugenden, die man in der Schweiz nicht unbedingt als typisch bezeichnen kann, vieles verändern: über Geld reden – und früh handeln. Dadurch steigen die Chancen, wieder festen Boden unter den Füssen zu bekommen.

In knapp 10 Prozent der Fälle, die bei der Schuldenberatung eingehen, kann mit der Zustimmung der Mehrheit der Gläubiger ein Sanierungsverfahren eingeleitet werden. Über die langfristigen Erfolgschancen solcher Massnahmen werden keine Daten erhoben. Wer eine solche Sanierung durchzieht, lebt oft drei Jahre lang am Existenzminimum. Keine Ferien, kein Netflix, kein Restaurantbesuch. Es bleibt die Hoffnung, dass, wer das durchhält, dauerhaft «geheilt» ist. Schuldenfreiheit ist danach nicht bloss ein finanzieller Zustand, sondern im Idealfall eine neue Lebenseinstellung.

»
Abonnieren Sie unsere
kostenlosen Newsletter!