Geduld ist relativ

Eine Wiedervereinigung trotz Pandemie.

 

Geduld ist nicht meine Stärke. Doch ich denke, dass ich nicht die einzige bin, die genug von Covid-19 hat, genug davon, dass meine Freiheit eingeschränkt ist, genug davon, dass ich mich an Regeln halten muss, die mir nicht gefallen. Ganz besonders schwer fällt mir als schreibender Nomadin, dass ich derzeit nicht so reisen kann, wie ich es mir gewohnt bin. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen: Es sind erst ein paar Monate, seit die uns vertraute Welt auf den Kopf gestellt worden ist. Was sind schon ein paar Monate gesehen auf ein ganzes Leben.

Was es wirklich bedeutet, Geduld haben zu müssen, davon wüsste Renas zu erzählen, mein syrischer Bruder, der seit etlichen Jahren zu unserer Familie gehört. Vor acht Jahren ist er geflüchtet. Vor acht Jahren hat er seine Freundin Marwa in Damaskus zurückgelassen, mit dem Versprechen, dass er sie nachholen würde. Damals war sie etwas über 20, heute ist sie fast 30. Über all die Jahre haben sie sich nie gesehen – dennoch ist ihr Ziel dasselbe geblieben: Wieder zusammen zu sein.

Es schien wie ein Wunder, als Marwa vor wenigen Wochen endlich auf ordentlichem Weg die Bewilligung erhielt, zu Renas in die Schweiz zu ziehen. Das Warten sollte ein Ende haben – und dauerte dann doch noch einmal länger als nötig: Denn wie reist man in Zeiten der Pandemie von Damaskus in die Schweiz? Der einzige Flug aus Damaskus raus endete in einem kleineren Flughafen in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Von dort mit dem Taxi über Land zum internationalen Flughafen in Dubai zu fahren, wäre in normalen Zeiten ein Kinderspiel. Aber es sind eben keine normalen Zeiten.

Doch irgendwann flogen die Fluggesellschaften wieder. Marwa sass im ersten Flugzeug von Damaskus nach Beirut, von wo aus sie über die Türkei nach Basel fliegen konnte. Was für ein Wiedersehen, als Renas sie abholte. Jetzt wird eifrig die Hochzeit geplant.

Covid-19 wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Doch sobald ich ungeduldig werde, denke ich fortan an Renas und Marwa. In acht Jahren wird Covid-19 nur noch eine weit zurückliegende Erinnerung sein.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»