Gedankensplitter

Über Zwiedenken und Neusprache

Wissen und Nichtwissen

Ben Bernanke, Chairman des Fed, hat verkündet, dass die Zeit gekommen sei, um die Kommunikationspolitik zu ändern. Die Formulierungen der amerikanischen Notenbank seien oft missverständlich und würden die Märkte zu Fehlinterpretationen, mithin zu Fehlentscheidungen, also zu Fehlhandlungen verleiten. Der kritische Mensch fragt sich – sind Wirkungen, die von den beabsichtigten Wirkungen des Fed abweichen, per se schon Fehlentwicklungen? Oder versucht hier jemand, mit Worten zu verschleiern, was er tatsächlich beabsichtigt (nämlich die Märkte zu manipulieren)? – George Orwell hat in seinem luziden Zukunftsroman «1984» eine Welt beschrieben, in der das «Zwiedenken» herrscht. «Zu wissen und nicht zu wissen; sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählt; gleichzeitig zwei einander ausschliessende Meinungen aufrechtzuerhalten; zu wissen, dass sie einander widersprechen, und an beide zu glauben…» – könnte es sein, dass Bernanke Orwells Roman gelesen, ja verinnerlicht hat?

Die journalistischen Neulinguisten

Das «Zwiedenken» geht einher mit der «Neusprache», die bloss den einen Zweck hat: die Bedeutungen der Worte in ihr Gegenteil zu verkehren. Die drei Wahlsprüche des Grossen Bruders lauten: KRIEG BEDEUTET FRIEDEN. FREIHEIT IST SKLAVEREI. UNWISSENHEIT IST STÄRKE. Die «Neusprache» ist gegenwärtig ausserordentlich beliebt. Je unübersichtlicher die Welt, desto erfolgversprechender ist sie. Journalistenkollegen gebärden sich zum Beispiel gerne als Erfüllungsgehilfen der Neusprachler, indem sie Sätze der folgenden Art gedankenlos, d.h. unkommentiert reproduzieren: die Zentralbanken sehen sich zu «unkonventionellen Massnahmen zur Stützung der Konjunkturerholung» gezwungen. UNKONVENTIONELL = GUT. Aber was heisst es wirklich? Es heisst faktisch, dass die Zentralbanken Anleihen des eigenen Staates kaufen (und also Geld aus dem Nichts schaffen) – in der «Neusprache» auch «quantitative easing» genannt (auch hier: klingt gut, irgendwie cool). In Wahrheit: UNKONVENTIONELL = SCHLECHT.

Die Manipulation manipulieren

Ein weiteres illustratives Beispiel liefert die Europäische Zentralbank (EZB) in einer Pressemitteilung vom 10. Mai 2010 (den Hinweis verdanke ich Thorsten Polleit). Dort lesen wir: «Angesichts der derzeit aussergewöhnlichen Marktsituation hat der EZB-Rat beschlossen, Interventionen an den Märkten für öffentliche und private Schuldverschreibungen im Euro-Währungsgebiet (Programm für die Wertpapiermärkte) durchzuführen, um die Markttiefe und -liquidität in den gestörten Marktsegmenten sicherzustellen.» INTERVENTION = WIEDERHERSTELLUNG DES GLEICHGEWICHTS. Was heisst das nun aber wirklich? Die EZB findet die Preise für Geld (die Zinssätze für Staatsschrottpapiere) zu hoch. Also interveniert sie und führt damit faktisch eine staatliche Preiskontrolle für Anleihekurse (ausgewählter Emittenten) ein. Sie verzerrt also den (durch frühere staatliche Interventionen bereits ohnehin massiv verzerrten) Markt, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. INTERVENTION = MANIPULATION.

Leserquiz

Das Vokabular der «Neusprache» wird immer umfassender. «Koordination» bedeutet «bessere Zentralisierung», «Harmonisierung» bedeutet «allgemeine Gleichmachung», «bürokratischer Abbau» bedeutet «bürokratische Vereinnahmung», «Reform» bedeutet «weitere Verkomplizierung», «Solidarität» bedeutet «politisch gewollter Zwang», «Autonomie» bedeutet «freiwillige Fremdbestimmung». – Liebe Leser, fallen Ihnen weitere Perlen unserer «Neusprache» ein? Zuschriften bitte an die Redaktion, die besten Vorschläge werden veröffentlicht.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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