Ganz schön teuer

Schweizer Konsumenten strömen in Euro-Länder, um dort Geburtstagsblumen, Windeln und Winterjacken einzukaufen. Darunter leidet der hiesige Detailhandel. Was tun? Ein Bericht von der KMU-Front.

Ganz schön teuer
Familie Alprausch: André Tanner (2. v. r.), Timmy, Nicole und Robin Bretscher (v. l.), photographiert von Michael Wiederstein.

Auf meine Frage hin, wie es denn so mit dem Verkauf der Winterkollektion 2016 an die Händler, meist Besitzer von Sportgeschäften, laufe, lautet die Antwort meines Vaters: «Die Leute haben Angst.» Angst um ihre Zukunft, Angst vor der Ungewissheit. Deshalb ist Geiz «wieder geil» – und veranlasst einen Teil der Bevölkerung, über die Landesgrenzen zu strömen, um dort einzukaufen. Aus der Perspektive unseres Familienunternehmens Alprausch sind das – man muss es fast nicht sagen – schlechte Nachrichten.

Für die inländischen Medien waren es willkommene News, als die Schweizer Nationalbank im Januar einen wegweisenden Entscheid traf: Der Euro-Mindestkurs ist aufgehoben worden! Da konnten sich manche Journalisten so richtig austoben und den Teufel an die Wand malen. Entlassungen, Überzeit, Einkaufstourismus: es ist ein Lamentieren ohne Ende – bis sogar manchem Schweizer mulmig in seiner Schweiz wird. Es kommen also aufgrund rein währungsbedingter Preisunterschiede nicht nur weniger Touristen (und somit Kunden) in die Schweiz, das ganze Medienspektakel beeinflusst auch Schweizer Konsumenten. Vor lauter Untergangsstimmung vergessen sie nur zu gern, wie stabil die hiesige Wirtschaft im Vergleich zu einigen unserer Nachbarländer immer noch ist. Für uns als Betrieb mit Hauptabsatzland Schweiz bedeutet das konkret: Unsere Kunden, die Sportgeschäfte, kaufen aus Unsicherheit weniger bei uns ein. Und die verzweifelten Händler verlangen Eurorabatte, wie sie das bei den meisten grösseren Unternehmen bekommen – selbst am Flughafen Zürich wird man beim Betreten der zollfreien Zone mit Flyern beschenkt, die Eurorabatte versprechen.

 

«Unfaire» Preise?

«Wie gut sind Sie als Einkaufstourist?», fragte jüngst eine grosse Tageszeitung in einem eigens erfundenen Schätzspiel, bei dem die Preise von Markenprodukten in Deutschland und der Schweiz erraten werden sollen. Schon klar, als Story bietet sich so ein Vergleich an; er bedient den altbekannten Topos der hinterhältigen Multis, die hiesige Konsumenten mit ihren Phantasiepreisen ausnutzen. Zum Teil mag das stimmen, denn dass Markenprodukte riesiger internationaler Firmen in der Schweiz hin und wieder ohne erkennbaren Grund viel teurer als im Ausland sind, hat jeder Reisende schon erfahren. Bei diesem Verdacht gilt aber zu bedenken, dass Schutzzölle und höhere Löhne in der Schweiz durchaus eine Rolle spielen können. Aus dem Blickwinkel von KMU, die im Detailhandel tätig sind, sind solche Spielchen jedenfalls alles andere als lustig. Mit dieser Art von Unterhaltung wird ein Bild vom gerechtfertigten, ja sogar empfehlenswerten Einkaufstourismus gezeichnet, da die Preise in der Schweiz generell als «unfair» erscheinen.

Es ist schwierig zu unterscheiden, bei welchen Produkten höhere Preise gerechtfertigt und notwendig für das Überleben eines kleinen Unternehmens sind – und bei welchen nicht. Klar bleibt: für in der Schweiz ansässige Unternehmen sind die zu zahlenden Löhne nicht selten doppelt so hoch wie in EU-Ländern; die Mieten für Räumlichkeiten ebenso. Auch für uns fallen die grössten Kosten in der Schweiz an. Zwar produzieren wir einen Grossteil unserer Kollektion in Portugal, doch Design, Zeichnen der Muster, Lagerung und Logistik erfolgen in der Schweiz. Kein Wunder also, dass die Produkte von Schweizer KMU teurer ausfallen. Mit Einkaufstourismus mag man vielleicht einem riesigen Konzern ein Schnippchen schlagen. Meist kauft man aber auf so einem Ausflug nicht nur Nivea-Produkte, sondern auch gleich, was man sonst noch so braucht: die moderne Stereoanlage für die Oma, Geburtstagsblumen für die Tante und eine neue Winterjacke für die Tochter. Grosse, international tätige Konzerne kommen so trotzdem zu ihrem Umsatz – egal in welchem Land, egal zu welchen Preisen. Den kleinen Hiesigen jedoch entgeht der Umsatz, denn der Einkaufsbummel in Zürich wird immer öfter durch die Reise über die Grenze nach Konstanz ersetzt. Das wird wohl, nachdem die letzten Jahre sowieso schon schwierig für den Detailhandel waren, dem einen oder anderen Geschäft das Genick brechen. Die SBB setzten noch einen drauf,…