Ga-Ga-GAV

Eine Razzia gegen Coiffeursalons. Was hatten sich die Haarschneider zuschulden kommen lassen?

Wer jüngst CNN einschaltete, konnte live verfolgen, wie ein politischer Berater Donald Trumps durch das FBI verhaftet wurde. Eine Razzia als TV-Spektakel. Auch das SRF zeigte in diesen Tagen eine Razzia, hier: der Berner Polizei. Aufgebracht wurden aber nicht politische Dunkelmänner – sondern Coiffeursalons. Was hatten sich die Haarschneider zuschulden kommen lassen? Sie standen unter Dumpingverdacht. Absurd-billige 18 Franken kostet bei manch türkischem Coiffeur ein Männerhaarschnitt. Wie kann das sein, wenn doch der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) einen Mindestlohn von 3800 Franken vorsieht? Die telegene Razzia wirft ungewollt ein Schlaglicht auf den gewerkschaftlichen Widerstand gegen das Rahmenabkommen mit der EU. Bekanntlich fürchten Unia & Co. um die «flankierenden Massnahmen». Die Berner Razzia zeigt, warum.

Zum Vergleich: Der durchschnittliche Coiffeur in Deutschland oder Frankreich verdient etwa 2000, sein Kollege in Italien gar nur 1400 Franken. Coiffeure liegen damit am unteren Ende der Gehaltsskala, denn das Produktivitätswachstum der Branche tendiert gegen null – und damit auch das Lohnwachstum. Doch das heisst auch: Das beliebte Argument, hohe Schweizer Löhne seien das Resultat überlegener Produktivität, greift für Coiffeure nicht. 3800 Franken Mindestlohn – also etwa das Doppelte des benachbarten Auslands: Das wäre ohne GAV kaum möglich.

68 allgemeinverbindliche GAV waren 2018 in Kraft. Die «flankierenden Massnahmen» schärften diese Waffe und steigerten die Bedeutung der Gewerkschaften bei ihrer Anwendung. Jetzt zeigt sich: Das war nicht bloss ein ordnungspolitischer Fehltritt, es war vor allem auch eine politökonomische Dummheit. Denn Bern verschaffte den Gewerkschaften einen handfesten Anreiz, liberalisierende Abkommen zu bekämpfen. Übrigens: 2018 wurden schweizweit über 40 000 Lohnkontrollen durchgeführt. Viel Futter für die Fernsehkameras. Und ein tausendfaches Zeichen für die hohen Kosten fauler politischer Kompromisse.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»