Fürsprecher und Einsprecher: Infrastrukturprojekte

In der Schweiz sind zurzeit fast 70 grössere Klinikneubauten angedacht oder bereits in Bau. Warum? Wie wird dabei geplant – und wie sollte geplant werden? Ein kritischer Einwurf aus der Praxis.

Fürsprecher und Einsprecher: Infrastrukturprojekte

In den nächsten 15 Jahren investieren die Schweizer Spitäler 15 Milliarden Franken in die Erneuerung der Spitalinfrastruktur, ein regelrechter Bauboom. In allen Regionen sind Projekte in der Umsetzung oder kurz davor. Nicht selten kostet das die einzelnen Kantone jeweils mehr als 1 Milliarde Franken. Für die rege Bautätigkeit gibt es technische, gesellschaftliche und politische Gründe. Schauen wir einmal näher hin.

Im Hinblick auf Architektur und Technik herrscht im Schweizer Spitalwesen ein ernsthafter Investitionsstau, den es zu beheben gilt: Viele der heutigen Spitalbauten stammen aus den 1960er und ʼ70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Gebäude sind oft in einem schlechten Zustand, insbesondere was die Sanitär-, Heizungs- und Lüftungsinfrastruktur betrifft. Auch die Gebäudehüllen wurden seither nur in wenigen Fällen erneuert. Es gibt weiterhin zahlreiche Spitäler, in denen Etagendusche und Gemeinschaftstoilette zum Standard gehören. Die Patientenwege sind aufgrund des jahrzehntelangen generischen Wachstums lang und kompliziert. Die Nachfragesituation sieht längst anders aus: Viele Patienten verlangen nach mehr Komfort, nach mehr Privatsphäre und nach – im Hinblick auf ihr Wohlbefinden – optimierten Prozessen. Kurz und gut: die heutigen Spitalbauten können diese Bedürfnisse nicht immer abdecken.

Die heutige Infrastruktur wird aber auch den Anforderungen der modernen Medizin zu oft nicht gerecht. Die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit etwa spielt heute eine bedeutend wichtigere Rolle als noch vor wenigen Jahren. Während früher die einzelnen ärztlichen und therapeutischen Disziplinen strikt getrennt waren, ist in gewissen Disziplinen eine räumliche Verschmelzung mittlerweile zwingend. Zudem verändern sich die Geräte für Medizinal- und Analysetechniken ständig. Dies führt zum Beispiel dazu, dass im OP-Bereich mit einer Geschosshöhe von 4,50 Metern geplant wird. Vor 20 Jahren reichte eine Geschosshöhe von 3,60 Metern noch aus.

Die Politik will derweil mehr Wettbewerb im Gesundheitswesen: Die Einführung von Swiss-DRG und die neue Spitalfinanzierung stellen das grösste Reformpaket der Grundversicherung dar. Wenn die Spitäler sich diesem Wettbewerb stellen, was sie tun, so führt das zwingend zu beachtlichen Investitionen auf personeller und infrastruktureller Ebene. Der Spitalbetrieb kann also nur mit einem grösseren Anteil Halbprivat- und Privatpatienten aufrechterhalten werden, was erklärt, warum die neu gebauten Zimmer für diese Patientengruppe oft die Standards von 5-Stern-Hotels erreichen. Allerdings: die Kostenseite eines Spitals wird durch die Personalkosten dominiert, und diese machen bis zu 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Entsprechend wichtig sind kostengünstige Prozesse. Ein Spital kann aus finanzieller Sicht langfristig nur dann überleben, wenn es gelingt, einen Grossteil der Prozesse zu industrialisieren, aber die meisten heutigen Spitalbauten lassen eine solche Industrialisierung nur bedingt zu.

Die Investitionen in Spitalbauten, die über Abschreibungen jedes Jahr die Erfolgsrechnung belasten1, werden die Spitäler vor grosse Herausforderungen stellen. Dazu kommen die wechselnden politischen Rahmenbedingungen, die sich negativ auf die finanzielle Lage der Spitäler auswirken. Besonders unschön ist, dass diese negativen Auswirkungen beim Entscheid, ob und in welcher Form ein Spital erneuert werden soll, nicht einmal abgeschätzt werden können. Der Spitalbetreiber befindet sich diesbezüglich in einem Zustand der Ungewissheit, was regelmässig zu Fehlentscheidungen führt. Am einfachsten kann dieser Finanzierungslücke mit Mengenausweitungen entgegengewirkt werden. Dies kann betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, aus volkswirtschaftlicher Sicht geht die Strategie aber nicht auf. Deshalb bleibt mittel- bis langfristig nur der steinige Weg der Effizienzsteigerung. Kleine Anpassungen der Ablauforganisation führen nicht zum Ziel, es braucht wegweisende Umgestaltungen. Die damit verbundene Industrialisierung der Prozesse muss zu einer Effizienzsteigerung von mindestens 20 Prozent führen.

Man kann zusammenfassend sagen: Was Patienten wollen und Leistungserbringer liefern sollen, wird durch die aktuelle Infrastruktur oft behindert oder verunmöglicht. Das medizinische Angebot wurde lange (und wird auch immer noch) in die bestehende Infrastruktur einzupassen versucht – mit entsprechend komplexen und suboptimalen Prozessen für Patienten und Mitarbeitende. Dieser Knoten muss gelöst werden, und das gelingt am ehesten mit Neuplanungen.


Die grossen Herausforderungen

Eine…