Für Freiheit und Menschenwürde

Glaube und Rationalität bei Johannes Paul II

Der am 2. April verstorbene Papst wird wohl zunächst durch die letzte Phase seines Lebens in Erinnerung bleiben. Er hat Alter und Krankheit vor Millionen von Menschen öffentlich durchlitten und so seine Botschaft von der Heiligkeit jedes Menschenlebens nicht durch einen Text, sondern in einem symbolischen Akt weltweit publik gemacht. Indem er die Einmaligkeit des Individuums ins Zentrum stellte, ist der Papst der Idee der Freiheit des Menschen verpflichtet gewesen. Er hat den Wert der Personalität als Voraussetzung aller religiösen und sozialen Beziehungen an die Spitze der Wertehierarchie gesetzt. Dies ist aus liberaler Sicht sein grösstes Vermächtnis an die Nachwelt: ohne Freiheit kann die individuelle Persönlichkeit nicht zu den von ihr angestrebten Zielen gelangen, und der Weg des Glaubens ist seinem Wesen nach ein frei gewählter Weg.

Johannes Paul II. stammte aus Polen, und seine Überzeugung war weder durch Bücherwissen noch durch die Mitwirkung in intellektuellen Debattierclubs gereift, sondern in ständiger Konfrontation, mit dem Nationalsozialismus zuerst und dann mit dem real existierenden Sozialismus und dem von kommunistischer Seite staatlich erzwungenen Atheismus, der die Menschen nicht wohlwollender und sozialer, sondern misstrauischer und rücksichtsloser machte. Seit den Jakobinern ist die staatlich verordnete Gemeinschaft atheistische Ersatzreligion gewesen, deren Auswirkungen bis heute keineswegs überwunden sind. Die neuen Inquisitoren und «Wohlfahrtsausschüsse» haben zwar nicht die religiöse Ketzerei im Visier, aber sie bekämpfen jedes sogenannt abweichende Verhalten im Bereich der Ökologie und des Genussmittelkonsums.

Der unermüdliche Kampf gegen die Pseudomodernität etatistischer Atheisten war eines der Hauptanliegen des Papstes. Die 1991 publizierte Enzyklika Centesimus Annus zeigt, wie vehement er sich für die Verteidigung einer freien und spontanen Gesellschaft eingesetzt hat. «Es ist nicht nur vom ethischen Standpunkt her nicht gestattet, die Natur des Menschen, der zur Freiheit geschaffen ist, zu übersehen. Es ist praktisch gar nicht möglich. Dort, wo sich die Gesellschaft so organisiert, dass der legitime Raum der Freiheit willkürlich eingeschränkt oder gar zerstört wird, löst sich das gesellschaftliche Leben nach und nach auf und verfällt schliesslich.»

Johannes Paul II wusste sehr wohl, dass Fides et Ratio (Glaube und Vernunft, Titel seiner vorletzten Enzyklika aus dem Jahr 1998) nicht gegeneinander wirken, sondern einander unterstützen. Der Mensch, als Ebenbild Gottes geschaffen, hat die Gabe, sich rational zu verhalten und gleichzeitig einen Glaubensinhalt als Richtschnur seines Verhaltens zu wählen. Damit wird das auf eine Überzeugung abgestützte Verhalten nicht irrational, sondern konsequent. Der freie Mensch entfaltet sich nicht durch ein opportunistisches Improvisieren von Tag zu Tag, sondern durch die Orientierung an einer persönlich bevorzugten Werteordnung. Eine persönliche Überzeugung kann von Fall zu Fall in Widerspruch zu demokratisch ermittelten Entscheidungen geraten. Dazu äussert sich der Papst, der gerade dadurch populär geworden ist, dass er sich vielen populären Forderungen widersetzte, wie folgt: «Heute neigt man zu der Behauptung, der Agnostizismus und der skeptische Relativismus seien die Philosophie und die Grundhaltung, die den demokratischen politischen Formen entsprechen. Und alle, die überzeugt sind, die Wahrheit zu kennen, und an ihr festhalten, seien vom demokratischen Standpunkt her nicht vertrauenswürdig, weil sie nicht akzeptieren, dass die Wahrheit von der Mehrheit bestimmt werde bzw. je nach dem unterschiedlichen politischen Gleichgewicht schwanke. In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass dann, wenn es keine letzte Wahrheit gibt, die das politische Handeln leitet und ihm Orientierung gibt, die Ideen und Überzeugungen leicht für Machtzwecke missbraucht werden können. Eine Demokratie ohne Werte verwandelt sich, wie die Geschichte beweist, leicht in einen offenen oder hinterhältigen Totalitarismus» (op. cit., Nr. 46). Zum Wohlfahrtsstaat findet sich folgende Passage: «Der Wohlfahrtsstaat, der direkt eingreift und die Gesellschaft ihrer Verantwortung beraubt, löst den Verlust an menschlicher Energie und das Aufblähen der Staatsapparate aus, die mehr von bürokratischer Logik als von dem Bemühen beherrscht werden,…

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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