Für einen Millimeter Humanität

Das IKRK und der Krieg Die neuen Kriege mit ihren asymmetrischen Formen der Konfliktaustragung bedrohen nicht nur
das Völkerrecht, sondern auch jene, die in seinem Schutze tätig sind.
Die Arbeit der Delegierten ist anspruchsvoller und gefährlicher geworden.

Antonella Notari war im Feld, wie man beim IKRK sagt. Bürgerkrieg in Sri Lanka, Bürgerkrieg in Jugoslawien, Nachkriegsjahre in Ruanda. Mit Ende 20 hatte sie sich entschlossen, zum IKRK zu gehen. Von Politik verstand sie nicht mehr als der Durchschnitt, von Kriegen hatte sie keine konkrete Vorstellung. Ihr gefiel die klare Ausrichtung: helfen, wo Hilfe benötigt wird. Sorge, Angst? Nein, sie habe darauf vertraut, dass man das Rote Kreuz und den Roten Halbmond als Symbole der Humanität und Neutralität respektiere. Ein gewisses Risiko, das war ihr klar gewesen, sei nie auszuschliessen.

Anfangs der neunziger Jahre arbeitete Antonella Notari in Somalia, in einer Delegation mit ihrem Verlobten. Er wurde von Kämpfern des Somali National Movement erschossen. Ihr Jeep war liegengeblieben, mitten in der Wüste. Drei Tage waren sie gelaufen, bis sie ein Dorf erreicht hatten, entkräftet, mit den Nerven am Ende. Daher hatten sie das Angebot der Polizei angenommen, in einem Polizeilastwagen in die nächste Stadt zu fahren. «Das Somali National Movement wusste nicht, dass wir in dem Lastwagen sassen. Es griff nicht uns an, es hätte dazu auch keinen Grund gehabt. Wir unterhielten zu beiden Seiten gute Kontakte.» Antonella Notari kam zu dem Schluss: «Es war unser Fehler.»

Heute arbeitet die 43jährige als Pressesprecherin des IKRK in Genf. Den Mut, sagt sie, habe sie nie verloren. «Ich bin eine sehr starke Person.» Auf eine Therapie verzichtete sie, auch weil es der Psychologe nicht für notwendig hielt. Sie hat wieder einen Freund. Und doch schliesst sie nicht aus, zurück ins Feld zu ziehen, irgendwann, um einen «Raum für Menschlichkeit zu schaffen», sagt sie, und sei es «ein Millimeter in einem Kilometer von Grausamkeit». Das Bild stammt nicht von ihr. Ihr Kollege Philippe Gaillard hat es geprägt, 1994, nach dem Völkermord in Ruanda, als binnen weniger Wochen 800’000 Tutsis und gemässigte Hutus von den Hutu-Milizen umgebracht worden waren. Gaillard arbeitete damals als Chef-Delegierter für Ruanda in der Hauptstadt Kigali.

Teufelspakt

Viele Male hat er seither das Erlebte in die Öffentlichkeit getragen, auf Konferenzen, in Interviews. Er sei es den Opfern schuldig, schreibt er in einem Dossier. «Du kannst Menschen töten, aber nicht die Erinnerung.» Gaillard hatte das Unheil vorausgeahnt, lange vor dem 7. April 1994, dem Tag, als die Hutus Strassensperren errichteten, Menschen aus ihren Häusern jagten und in den Feldern zusammentrieben. «Die Hauptgefahr in Ruanda sind nicht die 3000 Landminen, sondern die Minen in den Herzen», hatte Staatspräsident Habyarimana Monate zuvor zu Gaillard gesagt. Er verstand es wie eine Vorwarnung. Fassen kann er bis heute nicht, was dann geschehen ist. So beginnt Gaillards Dossier denn auch mit einer Klarstellung: Man könne angesichts eines Genozids nicht neutral bleiben. Als Rotkreuzangehöriger aber habe man nun einmal nicht die Aufgabe, ihn politisch zu stoppen. «Wir haben für einen Millimeter Humanität gesorgt in einem Kilometer von Grausamkeit.»

So ernüchternd wie die Bilanz Gaillards ist, könnte sie unter vielen Einsätzen des IKRK stehen. Wie viel Mühsal es kostet,

welchen Gefahren man sich aussetzt, um auch nur einen winzigen Teil dieses Millimeters voran zu kommen, verdeutlicht ein Zwischenfall, von dem Gaillard berichtet. Strassenposten hielten eine Ambulanz des Roten Kreuzes an, zwangen die Verletzten zum Aussteigen und exekutierten sie vor den Augen der IKRK-Delegierten. Der ruandische Radio- und Fernsehsender «Libre des Milles Collines» rechtfertigte die Tat mit der Meldung, die Hilfsorganisation transportiere Feinde, die sich nur verletzt stellten. Nicht zum erstenmal versuchte der Sender, dem IKRK zu schaden. Zuvor hatte er Stimmung gegen Gaillard gemacht mit der Falschinformation, der Chef-Delegierte sei Belgier, gehöre also der verhassten ehemaligen Kolonialmacht an. Damit war nicht allein Gaillards Neutralität in Frage gestellt worden, es war, wie Gaillard heute sagt, fast ein Todesurteil. Nach den Übergriffen auf die Ambulanz handelte die Zentrale in Genf – für ihre Verhältnisse deutlich, weil öffentlich protestierend. Sie schickte eine entsprechende Pressemitteilung an BBC und Radio France, die die Nachricht von den getöteten Verletzten weltweit sendeten. Ein riskantes Unternehmen. Was wäre geschehen, hätte die Hutu-Regierung den Protest als weiteren Beweis für die Parteilichkeit des IKRK gewertet, als politische Einmischung? Doch die Hutu-Regierung lenkte ein. In den folgenden Wochen konnte das IKRK 10’000 Menschen versorgen. «10’000 von 800’000 – und das auch nur, weil uns jene dazu ermächtigten, die für den Völkermord verantwortlich waren», schreibt Gaillard. Es klingt wie ein Teufelspakt.

Hutus und Tutsis haben ein Sprichwort. «Am Tag wandert Gott über die Erde, aber des Nachts schläft er in Ruanda.» Für Romeo Dallaire besitzt das Sprichwort seit dem Völkermord eine traurige Bedeutung. General Dallaire, ein Kanadier, kommandierte die UN-Truppe in Ruanda. Seine Appelle an das UN-Hauptquartier in New York, Verstärkung zu schicken, blieben ungehört, im Gegenteil: Noch während des Genozids beschloss der Sicherheitsrat, die UN-Truppe komplett aus Ruanda abzuziehen. General Dallaire widersetzte sich dem Befehl, ein Verzweiflungsakt. Vor kurzem sass Romeo Dallaire in einem kanadischen Fernsehstudio und erzählte von seinem Drama. Dreimal hat er versucht, sich das Leben zu nehmen, unzählige Therapiesitzungen hat er hinter sich. Nach wie vor kämpft er gegen seine Depression. Es heisst, General Dallaires UN-Truppe hätte mancherorts Leben gerettet. Dennoch lautet seine Bilanz: «Ich habe versagt.»

250‘000, 500‘000, Unzählige

Philippe Gaillard sieht das anders: Als couragiert und äusserst hilfsbereit beschreibt er Romeo Dallaire. Versagt haben die, die fern blieben. Zweimal teilte Gaillard der BBC per Telefon eine geschätzte Zahl der Opfer mit, 250’000 beim ersten Anruf, eine halbe Million beim zweiten, beim dritten Anruf sagte er: «Wir haben aufgehört zu zählen.» Danach rief die BBC nicht mehr an. Aber die Welt wandte sich nicht ab, das Fernsehen machte Milliarden zu Augenzeugen, die Dimension des Schreckens jedoch wollte im Ausland niemand wahrhaben. Heute, zehn Jahre nach dem Völkermord, ist es auch Scham, die in den Rückblicken zum Ausdruck kommt. Wenige ziehen so selbstanklagend Bilanz wie General Dallaire. Kofi Annan, damals als Unter-Generalsekretär der UN verantwortlich für den Einsatz der Blauhelme in Ruanda, hat nunmehr Fehler eingestanden, immerhin.

Antonella Notari ging 1996 nach Ruanda, als über eine Million Flüchtlinge zurückkehrten und Hass und Rache das Land beherrschten. 100’000 Menschen sassen in den Gefängnissen, manche zu fünft auf einem Quadratmeter. «Allein das war schon purer Horror», sagt Antonella Notari. Kaum vorstellbar, was erst Gaillard gesehen haben muss. Ehrfurcht schwingt mit, gar ein Erstaunen darüber, was ein Mensch zu leisten vermag, wenn Antonella Notari über Gaillard spricht. Er sei ein Held, sagt sie, und vielleicht sind es überhaupt Taten wie seine, an denen sich IKRK-Delegierte aufrichten, aus denen sie Kraft und Zuversicht dafür ziehen, Situationen durchzustehen, an denen andere zerbrechen. Dass General Dallaire zerbrach, mag auch am schonungslosen Selbstverständnis des Soldaten liegen; darin addieren sich Hilflosigkeit und Tatenlosigkeit zu Nutzlosigkeit.

Nach seinem eigenen Selbstverständnis kann das IKRK nicht scheitern – sofern sich Delegierte an die obersten Gebote Neutralität und Vertraulichkeit halten. Sein Auftrag lautet, unter allen Bedingungen so vielen Kriegsopfern wie möglich zu helfen und die Einhaltung der Genfer Konventionen anzumahnen, wann immer Kriegsparteien sie brechen. Nach welchem Massstab also misst man Wert und Sinn eines Einsatzes? «Jeder Mensch zählt», antwortet Antonella Notari. Wer wollte da widersprechen? Dennoch, Leitsätze wie diese suggerieren ein nahezu religiöses Selbstvertrauen (IKRK-Delegierte sprechen von Berufung), das Kritiker dem IKRK gerne unterstellen, auch weil die Genfer Zentrale Zwist innerhalb ihrer Mauern verborgen hält wie der Vatikan. Am Völkermord in Ruanda entzündete sich eine Diskussion darüber, ob allein schon die Parteinahme für die Opfer zu starke Kritik an den Tätern bedeuten könnte. «Wir haben schliesslich auf den systematischen Völkermord hingewiesen», sagt Antonella Notari. Damals prangerte das IKRK die Vernichtung einer erheblichen Anzahl von Zivilisten an – mit einer Vehemenz, wie nie zuvor in seinen 130 Jahren.

In Europa lösten Aufrufe wie die des IKRK eine wahre Spendenflut aus. Knut Ipsen, bis November vergangenen Jahres Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, verspürte eine «regelrechte Mitleidswelle». Im Vergleich dazu herrscht heute angesichts des Schicksals der Iraker Ebbe. «Die Deutschen denken wohl: Sollen die sich ruhig die Köpfe einschlagen.» Ipsen, emeritierter Professor für Völkerrecht, hatte im März vergangenen Jahres den Angriffskrieg der USA gegen den Irak als «eindeutig völkerrechtswidrig» bezeichnet – in einem Interview mit dem «Spiegel». Es müsse heutzutage die Pflicht auch des IKRK sein, unmissverständlich auf Unrecht hinzuweisen, begründet er seinen für einen hohen Rot-Kreuz-Funktionär ungewöhnlich forschen Vorstoss. Aus dem DRK kam prompt Kritik, worüber sich Ipsen heute noch ärgert: «Im Hinblick auf die UN-Charta wäre Schweigen beschämend gewesen.»

Schlicht «Gefangene»

Besonders dann, wenn sich die Welt vor den Fernsehapparaten moralisch positioniert. Guantanamo Bay hingegen liegt im Verborgenen, in solchen Fällen hält Ipsen die stille Diplomatie nach wie vor für effizienter. Regelmässig tauchen IKRK-Delegierte in der US-Enklave auf Kuba auf, sprechen mit den Gefangenen, halten Kontakt zu deren Familien. Die USA würden das IKRK aussperren, wenn es öffentlich gegen Methoden wie Dauerfesselung protestierte, sagt Ipsen. Im Dezember sassen 660 Männer aus 42 Staaten in Guantanamo Bay ein, darunter Mitglieder von Taliban und Al Qaida, für deren Anerkennung als Kriegsgefangene und Behandlung gemäss der Genfer Konventionen das IKRK mit den USA streitet. Diese wiederum stufen die Inhaftierten als «illegale feindliche Kämpfer» ein, eine Figur aus dem US-Recht, für die es im Völkerrecht keine Entsprechung gibt. Immerhin lässt das IKRK durchblicken, in welch besorgniserregendem Zustand sich viele Gefangene befänden.

Organisationen wie Amnesty International reden Klartext, wann immer sie Menschenrechtsverletzungen ausmachen und damit Täter und Opfer. Den Begriff des «Gesinnungsgefangenen», mit dem Amnesty Entrechtete staatlicher Willkür identifiziert, etwa politisch Gefangene in der Türkei, würde das IKRK niemals verwenden. Umgekehrt würde sich Amnesty niemals für einen Gefangenen wie Saddam Hussein dermassen ins Zeug legen wie das IKRK, heisst es im Generalsekretariat von Amnesty Deutschland. Gleichwohl betont man dort die «gute Zusammenarbeit» mit den Genfern, zumindest in gemeinsamen Pressekonferenzen zu Themen, bei denen man sich nicht in die Quere kommen kann. Denn die Rollen sind für Amnesty so klar und sinnvoll verteilt wie für Ex-DRK-Chef Ipsen. «Das IKRK ist ein Hüter des Völkerrechts, aber keine Menschenrechtsorganisation.»

Ohnehin geht das Völkerrecht nicht auf Menschlichkeit zurück; als verbindliches Regelwerk für Militärs galt es ursprünglich als Kriegsrecht. Nach den Schlachten des Dreissigjährigen Krieges im frühen 17. Jahrhundert wechselten gefangene Soldaten noch entweder die Seiten oder wurden getötet. 200 Jahre später hatte man ihren Wert als Träger von strategischen Informationen und Kompetenzen zu schätzen gelernt. Die daraus folgende Grundregel: Wer dir nützt, den musst du gut behandeln. Gewiss, Henry Dunant war ein Humanist, ein für das Europa des 19. Jahrhunderts typischer, beseelt vom Glauben an den universellen Geist der Zivilisation, auf dass der Barbarei ein Ende bereitet werden möge. Doch Krieg wird immer barbarisch bleiben, die Hoffnung auf seine Zähmung trügerisch. Es erscheint also widersprüchlich, einerseits Humanität einzuklagen, andererseits Krieg als anthropologisches Ritual zu akzeptieren. Auch deshalb wird immer wieder die Kritik laut, das IKRK müsse seinen unzeitgemässen Allgemeingültigkeitsanspruch überdenken, mindestens aber Ursache und Wirkung, Opfer und Täter differenzieren. Mit dieser Kritik wie mit den Widersprüchen könne das IKRK gut leben, weil es im Sinne der Humanität «keine Alternative zur Neutralität gibt», sagt Knut Ipsen.

Die Kriegsmoral des Gegners zu untergraben, gehört zu einer Reihe von Motiven, aus denen nun IKRK-Delegierte selbst mehr und mehr zum Spielball von Militärstrategen werden. Zudem haben es die Rot-Kreuzler heute immer häufiger mit sogenannten asymmetrischen Konfliktparteien zu tun, die sich nicht an Vereinbarungen halten oder die das Völkerrecht als Instrument westlicher Bevormundung ablehnen. Berechenbar scheint einzig ihre Unberechenbarkeit. «Im Irak mangelt es ja nicht an Humanität», gibt Antonella Notari zu bedenken und verweist auf gemeinsame Hilfstransporte von Schiiten und Sunniten. «Leider aber identifizieren dort viele das IKRK mit der US-Besatzungsmacht.» Für Knut Ipsen steht deshalb ausser Zweifel, dass das IKRK militärischen Schutz, wie ihn die USA im Irak angeboten haben, auch künftig ablehnen muss. Er wünschte sich hingegen, die IKRK-Spitze wäre internationaler besetzt und zeigte mehr Verständnis und Sachverstand für die Besonderheiten regionaler Konflikte. Oft genug hat er sich vor Ort den Vorwurf nationaler Rotkreuzmitarbeiter anhören müssen, das strenge Beharren der zumeist europäischen Delegierten auf den Idealen der Schweizer Gründer erweise sich als naiv. Mehr diplomatische Kompetenz für die nationalen Verbände wäre aus dieser Sicht sinnvoll. Ein Kolumbianer etwa versteht die Nöte eines Guerilleros, kann entsprechend abwägen und verhandeln, damit sich der Guerillero weder benachteiligt noch in seiner Ehre verletzt fühlt. Von islamistisch geprägten Verhandlungspartnern ganz zu schweigen.

Konflikte verstehen, Frontlinien erkennen, Hierarchien in Rebellengruppen und bei Paramilitärs durchschauen: Die Arbeit wird schwieriger und damit gefährlicher, weiss Antonella Notari aus eigener Erfahrung. Stellt sich die Frage, wie man die Mitte findet, woran sich Neutralität orientiert? «An unseren Taten», sagt Antonella Notari. Philippe Gaillard versorgte einen verwundeten Hutu-Politiker, einen einflussreichen, vor den Augen fassungsloser Tutsis. In solchen Momenten kann ein unbedachtes Wort die Volksseele zum Kochen bringen. Gaillard hatte vielleicht auch Glück, damals in Ruanda. Andernorts musste das IKRK in den vergangenen Jahren eigene Opfer beklagen. Sechs ermordete Ärzte in einem Rot-Kreuz-Krankenhaus in Tschetschenien, ein ermordeter Delegierter in Bosnien, Attacken auf das IKRK im Irak. Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Andererseits: 12’000 Delegierte in 70 Ländern. Gemessen daran passiere wenig, sagt Antonella Notari. Sie will wieder ins Feld, irgendwann. «Im Feld», sagt sie, «ist die Seele des IKRK.»

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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