Für ein Gymnasium von Welt

Die neue Weltsprache heisst Informatik. Will Bildung im 21. Jahrhundert ankommen, muss sie sich mit Algorithmen beschäftigen. Wann folgen Gymnasien der Parole?

Was ist der Zweck des Gymnasiums? Allgemeine Hochschulreife? Etwas gar wenig, seit man auch ohne gymnasiale Bildung an Hochschulen kommt, dank Talent, via Berufsbildung. Da sollte das Gymnasium schon etwas präziser sagen, was für es spricht. Was hat die Gymnasiastin, was der Berufsmaturand nicht hat? Mehr Kenntnisse? Sogenannt «breites Wissen»? Hoffentlich. Sie hat ja ungleich mehr Zeit dafür.

Mehr Zeit ist gut, als Argument indes untauglich. Will das Gymnasium mehr sein als eine Offerte zum Aufschub des Erwachsenwerdens, braucht es ein Bildungsprofil, das sich qualitativ abhebt. Wie einst die «humanistische Bildung» mit Latein, Griechisch und Philosophie für alle, dieses Konzept, das auf Klassik statt Pragmatik setzte, generelle «Geistesbildung» aktuellen «Kompetenzen» vorzog. Mit diesem Favorisieren des scheinbar Nutzlosen bekam das Gymnasium einen «elitären» Klang (jede Elite lebt nicht vom Wissen und Können allein, sondern von Überblick und Perspektiven), und just dieser elitäre Geist verwandelte die vermeintlich weltfremde Schule in ein Gymnasium von Welt.

 

Früher Physik und Philosophie, heute Informatik

Vor 50 Jahren war ich da drin und muss sagen: Ja, wir fühlten uns als etwas Besonderes, die anderen unseres Jahrgangs standen am Bahnhofschalter, montierten Heizungen, sie machten etwas Brauchbares, wir taten gar nichts, wir lernten, wir dachten nach, wir kamen uns verdammt privilegiert vor, also verpflichtet, nicht bloss Lernstoffe zu verdauen, sondern an den Fragen der Zeit teilzunehmen. Einige abonnierten mit siebzehn die FAZ, lasen Feuilletons, wetteiferten mit ambitionierten Vorträgen zu «Situation der Zeit» (Karl Jaspers imitierend). Wir diskutierten die damals junge Quantenphysik, Werner Heisenbergs Unschärferelation reizte uns wie Sartres Freiheitsphilosophie. Darwin vs. Genesis war Dauerthema, personifiziert in Teilhard de Chardin. Hinzu kam Jacques Monod mit seiner Radikalthese vom Zufall.

Tönt das hochstaplerisch? War es wohl auch, gerade weil es uns ungemein ernst damit war, übrigens meist ausserhalb der Lektionen; die waren so öd oder aufregend wie heute, es blieb auch genug Zeit zum Fussballspielen, freie Nachmittage verbrachten manche im Chemielabor. Nichts Besonderes. Speziell war der «Geist». Die Attraktion grosser Zeitfragen. Die Paarung von Physik und Philosophie. Die Konzentration darauf. Wir konnten ja sonst nichts. Die Schule, ein Treibhaus des Geistes. Ein Gymnasium von Welt.

Das war vor 50 Jahren. Physik und Philosophie waren die Weltsprachen. Heute bestimmen Algorithmen die Welt um uns, immer mehr auch in uns. Die neue Weltsprache heisst Informatik. Die Informations- und Datenverarbeitung steuert unser Leben, Bedürfnisse wie Lösungen. Social Media, Cloud Computing, Artificial Intelligence. Medizin, Konsum, Krieg. IT erleichtert den Alltag, macht Dinge «smart». Der Kühlschrank weiss selber, was fehlt, das Auto steuert autonom sicherer. IT stärkt Freiheit – und Abhängigkeit, ambivalent wie jede Technik, doch so oder so: IT ist, was die aktuelle Welt im Innersten zusammenhält. Also brauchen wir Informatiker, viele, gern die besten.

Muss man darum Gymnasiasten flächendeckend mit Informatik behelligen? Wir brauchen auch Herzchirurgen – und doch hantieren Schüler nicht am offenen Herzen. Der Vergleich ist schief – und typisch. Er verwedelt die Differenz: Herzchirurgie ist eine Technik (ein Handwerk wie Uhrmacherei), IT ist eine Technologie (ein neues Wissen von Techniken), eine besondere Art zu denken, eine neue Einstellung zur Welt. Diese Differenz übersehen manche, die noch über Bildung bestimmen. Was über Sprachen und Singen und Anfängermathematik hinausgeht, sehen sie gern als Rüstzeug für Macher/Spezialisten, kein Thema für gymnasiale Generalistenbildung. Macher (Chirurgen, Informatiker) müsse man (wie Tennistalente) herauspflücken und speziell schulen. Womit Informatik an Gymnasien nach wie vor draussen bleibt oder lieblos behandelt wird.

Diese Abwehr ist ignorant. IT ist nicht eine Technik unter Techniken, eher eine Einstellung zur Welt – zu einer Welt, die zunehmend geprägt ist von Systemen, deren Komplexität wir mit klassischen Methoden nie in den Griff kriegen, weil wir mit Rechnen nie fertig würden (und…

Zurück zum Zweiermodell

1995 haben die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) und der Bund das Typenmodell der Maturität durch ein Wahlfachmodell abgelöst. 20 Jahre danach sind nicht nur Retouchen bei der Benotung vorzunehmen, sondern es ist aufgrund der umfangreichen Evaluationen und Studien wieder ein Typenmodell einzuführen. Dabei sind auch interessante deutsche Entwicklungen wie die duale Universität einzubeziehen. […]

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