Für die Flagge der Freiheit
Bild: Edition Novo.

Für die Flagge der Freiheit

Sabine Beppler-Spahl (Hrsg.): Cancel Culture und Meinungsfreiheit. Über Zensur und Selbstzensur.

 

Im politischen Mainstream wird die Existenz der Cancel Culture weitgehend geleugnet. Für diejenigen, die abstreiten, dass es so etwas überhaupt gibt, ist klar, dass das «Canceln» unliebsamer einzelner eine rechtmässige Antwort auf das Emanzipationsbestreben marginalisierter Gruppen sei. Ob das Phänomen so einfach zu erklären ist, ist fraglich. Klar ist hingegen, dass jede demokratische Gesellschaft einen offenen und manchmal auch mit etwas härterem Tonfall geführten Dialog braucht wie der Mensch die Luft zum Atmen. Genau das unterscheidet sie von autoritären Systemen. Wenn Menschen aber Angst davor haben, sich mit ihrer Meinung gegen den herrschenden Zeitgeist aufzulehnen, und daher lieber nicht am Diskurs teilnehmen, verglüht der Funke, der die Demokratie lebendig hält.

Der von Sabine Beppler-Spahl herausgegebene Sammelband «Cancel Culture und Meinungsfreiheit» weist das antidemokratische Potenzial des Phänomens nach: Vorlesungssäle werden von wütenden Queer-, Trans- und Social-Justice-Aktivisten gestürmt, Verlage streichen Publikationen aus ihrem Sortiment, weil die Autoren nicht die «richtige Haltung» aufweisen, und Social-Media-Beiträge werden entfernt, wenn die Gefahr eines Shitstorms droht. Diese Beispiele stehen für den rasant an Macht gewinnenden neuen Moralismus, welcher sich hauptsächlich von den Hochschulen aus verbreitet und scheinbar alles und jeden in seinen Bann ziehen will. Die zwölf Autorinnen und Autoren des Bandes sind in verschiedensten Branchen tätig – darunter Gymnasiallehrer, Journalisten und Akademiker –, kommen jedoch alle zum selben Schluss: Cancel Culture, also die gezielte Stummschaltung einzelner zur Kontrolle des öffentlichen Diskurses, existiert, und sie ist eine unmissverständliche Bedrohung der Freiheit zur Meinungsbildung in westlichen Gesellschaften.

Einen klaren Weg aus dieser verzwickten Situation scheint es noch nicht zu geben. Alle Beitragenden sind sich jedoch einig: Jeder Mensch, der Angst davor hat, gecancelt zu werden, darf sich dieser Angst nicht hingeben und muss trotz allem für sein Wort und für sich selbst einstehen. Nur dies hält die Flagge der Freiheit hoch und leistet einen fundamentalen Beitrag zur offenen Gesellschaft.

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